§26. Erec 165
H. 61 f. unterdrückt Schmerzäußerungen, sie widersprechen dem höfischen Benehmen. —Chr. 194—204 die Königin redet in erregten Worten; H. 63—65 bringt statt der Rede selbstnur eine Erzählung des Eindrucks, den das Benehmen des Ritters auf die Königin und aufEr. macht. — Chr. 201—04 die Königin schickt Er. aus; H. 66—72 Er. als höfischer Mannerbietet sich selbst. — Chr. 207—16 auch dieser Schlag auf Schlag ablaufende Zank zwi-schen Er. und dem Zwerg ist von H. 73—94 hingedehnt und gemildert. — Chr. 219—24man sieht die Peitschenhiebe fallen, man sieht Hals und Gesicht Er.s von den Riemen ge-zeichnet, die Striemen über den ganzen Kopf; H. erspart seinem Helden eine solche Aus-malung der schmachvollen Entwürdigung. — Der eine Vers 120 bei H. gegen Chr. 236ist ein Musterbeispiel für die mäßigende, verfeinernde, aber auch entfärbende StilisierungH.s: bei Chr. sagt Er. von dem Zwerg: er hat mir das Gesicht zerfetzt, bei H. nur: er hatmich lasterlldien geschlagen. Überhaupt paßt die peinliche Beschimpfung von Erecs Ritter-ehre so wenig in die Verherrlichung des aristokratischen Standesbewußtseins und H. suchtsie deshalb mit kurzer, objektiver Begründung abzuschwächen 100—03, während Chr. 237—43 Erec sich selbst entschuldigt und gesteht, daß er, als Unbewaffneter, den verwegenenZornmut des bewaffneten Ritters fürchtete. Ein Hartmannscher Ritter fürchtet sich nicht. —Die Episode von der Erjagung des weißen Hirsches und Artus' Kußrecht Chr. 275—341 über-geht H. und bringt sie, verändert, später 1750—62 im Zusammenhang mit Artus' Hoffest.Diese Umstellung ist ein Beispiel für H.s gelegentliche Freiheit in der Gruppierung desStoffes und für seinen ordnenden Sinn, zugleich auch ein Beweis dafür, daß er den ganzenRoman so weit überblickte, daß er frei über den Inhalt verfügen konnte.
Aus dem folgenden Abschnitt von Tulmein Chr. 345—696 = H. 174—623 können nocheinige für H.s Auffassungsweise bezeichnende Stellen erwähnt werden. Das festlicheLeben im Schloß, ein kleines Kulturbild, Chr. 348—59, läßt H. aus und spricht nur voneinem großen Lebtag (schal) 231 f. Dagegen redet er lang und umständlich von Er.s Wohnungs-suche 233—49 und läßt ihn bedachtsam überlegen (er gedähte 257. 264), ehe er in dasgemiure des alten Edelmanns eintritt, während das Original gar nichts von der Wohnungs-not Erecs erwähnt und ihn sofort zu dem Alten gelangen läßt 373. Ebenso streicht H. dasköstliche Genrebild, wie die Leute in Neugier und Verwunderung und unter gegenseitigenFragen den ankommenden Er. bestaunen (Chr. 749—72, fehlt H. nach 626): in die aristo-kratische Stilisierung H.s paßte eine solche Szene aus dem Volksleben nicht (vgl. auchH. 1303—13 u. Chr. 1251—57). — Dem feineren höfischen Takt entspricht es, wenn Er. rück-sichtsvoll Eniten die Besorgung des Pferdes abnehmen will H. 342—46 (fehlt Chr. nach 458).Und so übergeht H. auch die Einzelbeschreibung der Knechtsdienste Enitens Chr. 459—68mit einem allgemeinen Satze 354 f., dagegen erweitert er die zwei Zeilen Chr.s 463 f. zueinem schmeichelhaften Lob des „süßen Schiltknechtes* 356—65. Und seinem Empfindenmochte die prahlerische Anpreisung der Schönheit und Klugheit Enitens durch ihren Vaterals würdelos widersprochen haben (Chr. 509—46, fehlt H. nach 525 ff.); allerdings fallendabei auch die rührenden Liebesworte des Vaters Chr. 541—46 weg. H. hat überhaupt einewürdigere Auffassung von dem Alten. Aber bei H. ist nichts zu spüren von dem erhöhtenLebensgefühl, das diese Szene durch die naturgemäße Freude des Vaters, der Mutter, derTochter erhält (Chr. 681—90). Hier steht H. noch in den Anfängen seiner Kunst. — Die Ab-schiedsszene endlich hat Chr. 1458—78 mit starker Rhetorik aufgetragen. Sie ist auf thea-tralischen Effekt berechnet. Es weint die Mutter, es weint die Tochter und der Vater undachtmal wird das Wort plorer wiederholt. Hier gehen uns H.s einfache, aber warm emp-fundene Worte 1456—68 tiefer zu Herzen.
Der Franzose legt besonderes Gewicht auf schöne Kleidung (Chr. 1344—86), worüberH. kurz hinweggeht (1408—13). Den bewundernswerten Kenntnissen Chr.s in der Toiletten-kunst (1587—1672) konnte H. (1537—89) nicht nachkommen und er läßt schließlich denAufputz in eine lahme Allegorie auslaufen. Die Aufzählung der Gerichte, durch die Chr.das einfache Mahl bei dem armen Edelmann lecker macht (488—503), ersetzt H. durch gut-mütigen Humor (386—95); auch das pompöse Festessen bei Artus am Schluß des Gedieh-