164 Die erzählende Dichtung
der gesellschaftlichen Formen, je nachdem eine durch die mäze geboteneZurückhaltung oder ein freieres Sichgehenlassen den Umgangston bestimmt.
Temperament und Lebensart äußern sich im Stil. Chrestien ist Realist.Er schaut die Dinge in der Fülle ihrer Gestaltung und in ihrer sinnfälligenErscheinungsform, und so gibt er sie auch wieder: er erzählt gegenständ-lich, lebendig, dramatisch bewegt, anschaulich und abgerundet, den ein-zelnen Fall in seinen charakteristischen Zügen herausarbeitend. Er ist Natur.Seine Menschen äußern ohne Rückhalt ihre inneren Bewegungen, sie sindnicht durch übertrieben höfische Etikette gebunden, sie tun ihren Leiden-schaften und ihrer Zunge keinen Zwang an. Hartmann gibt dem überliefertenStoff einen andern ethischen Gehalt. Ihm schwebt ein ritterliches Lebens-ideal vor, das durch die mäze bestimmt ist, er will Musterbeispiele für dieseLebensart geben, will höfisch erziehen, bilden. Daher vermeidet er Affekt-ausbrüche, leidenschaftliche Reden, Scheltworte. Darum ist bei ihm auch dieinnere Form, die Anschauung der Dinge, auf ein ebenes Gleichmaß gestimmt.Die Darstellung ist typisierend, geht mehr auf das Gemeingültige als aufEinzelausführung. Er stilisiert das Leben in idealisierender Richtung, ervertritt einen andern gesellschaftlichen Typus als Chr., sie stehen sich indem Verhältnis von Kultur und Natur gegenüber. — Durch das Übersetzungs-prinzip der Erweiterung erhält der Vortrag ein langsameres Tempo. Be-zeichnender als die bloß umschreibenden Dehnungen sind die reflektierendenund aufklärenden Ausschweifungen (die sog. psychologische Vertiefung),die einen Vorgang begründen oder dem Leser das Verständnis für die Sachlagebzw. für eine Handlungsweise erleichtern sollen. Solche überflüssige Par-tien, die auch nicht immer dem Zusammenhang angepaßt sind, vermehrenunnötigerweise die epische Breite. So ist H.s Erzählerstil unwirksamer alsder Chr.s mit seiner flotten, kraftvollen Lebendigkeit.
Eine vergleichende Zergliederung wird in jedem Satze die beiden Individualitäten gegen-seitig abheben. Ein Beispiel für eingehende, vergleichende Methode der Texte möge hierfolgen. Chr.s lebensvolle Zeichnung von dem Aufzug der fremden Gesellschaft 139—148ist bei H. 7—13 abgeblaßt. Chr.: der Ritter sitzt bewaffnet auf seinem Roß, den Schild amHals, die Lanze in der Faust, bei H. ist er nur ein räter mit der allgemeinen Bestimmung:er war wohl gerüstet im Harnisch, wie es einem guten Knecht geziemte. Die Dame ist mitder einen Eigenschaft ,von hohem Stande' (de grant estre) ausgeprägter charakterisiertals durch H.s drei formelhafte Epitheta gemeit sdicene unde wol gekleit. Über den Zwergsagt H. gar nichts, Chr. gibt ihm die Geißel in die Hand, die so verhängnisvoll mitspielt,H. erwähnt sie erst nachträglich in einem eingeflickten Relativsatz 54 f. Die Anordnungdes Aufzugs ist bei H. nicht klar, es kann nur die Vorstellung aufkommen, daß sie alledrei hintereinander folgen, Chr. aber läßt der Sitte gemäß Herrn und Dame als ein Paarnebeneinander reiten, die Dame auf der rechten Seite. H. 17—22 ist ein höfischer Ein-schub H.s, der den Diensteifer Erecs hervorhebt. — H. 25—27 höfischer als Chr. 155—58:das Hoffräulein soll sich nur erkundigen, wer der Ritter und seine Dame sei; Chr.: ersolle kommen und seine Dame mit sich bringen. — Chr. 161—86 = H. 31—58 das Hof-fräulein und der Zwerg: bei Chr. erregtes Gespräch, der Zwerg gleich brutal, ein dramati-scher Auftritt; H.s Jungfrau hält mit zühten und einem Grüß Gott eine höfisch verbind-liche Anrede. — Chr. 189—91 die Jungfrau weint, die Tränen laufen ihr über das Gesicht;