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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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160 Die erzählende Dichtung

hörigen bestellten Aufpasser, diu hnote, getrennt wird 79. 99. 102. 15263.314. 329. 363. Er mahnt die Geliebte, auch in der Entfernung ihm treuzu bleiben. Auf dem Hintergrund dieses widrigen Minnegeschicks entwickeltsich eine lebhaft gezeichnete Charakteristik des unglücklichen Liebhabers.Sein eigener persönlicher Kummer veranlaßt ihn, über Glück und Leid, überdie Einrichtung des Lebens überhaupt und über sein Verhalten gegen diedas Leben bestimmenden Werte zu reflektieren. So ist das persönliche Schick-sal symbolisch aufgefaßt und das Glücksproblem im Grunde der Ideengehaltdes ganzen Gedichtes. Der Dichter führt eine persönliche Auseinandersetzungmit der allgemein geltenden Lebensauffassung, es ist gleichsam eine Disputationzwischen ihm und der von Autoritäten vertretenen Wertung des Menschen-wesens. Ein allgemeiner Satz wird aufgestellt, bekräftigt durch Berufung aufdie wisen 53. 137. 343. 477. 496. 510. 615. 650. 679, ein wiser man 581.604. 609, wisheit 602, diu wärheit 424. 644, ich hörte sagen mcsre 137;dann stellt der Dichter diesem Satz seine eigene Ansicht gegenüber (Theseund Antithese). Er ist ausgesprochener glückverneinender Pessimist. Mitraffinierter Dialektik weiß er jeder von ihm selbst aufgeworfenen Möglich-keit ihre schlechte Seite abzugewinnen, mit Wohlgefallen an Paradoxen, denner zweifelt an sich selbst und an seiner Kraft, aus seiner traurigen Lageherauszukommen. Und auch dieses zerrissene Gemüt sucht doch zuletzttröstende Hoffnung.

Die Form also, in der diese Minneklage sich ausspricht, ist eine dialektischeArgumentation, das Gedicht ist ein Kunstwerk ausgeklügelter Rhetorik, vomVerstand ersonnen, nicht aus unmittelbarem Erlebnis des Herzens kommend.Die Diskussion dreht sich in der Hauptsache um Glück und Leid (liep undleit, daz so gröz herzenleit von herzeliebe geschiht) im menschlichen Leben.Dieses Problem stellt auch Gotfr. v. Straßburg in den Eingang seines Tristan(s. unten) und der Dichter des II. Büchl. steht hier unmittelbar unter demEinfluß Gotfrids. Ebenso ist diesem entnommen das Mittel, den Schmerzüber eine unglückliche Liebe durch eine neu angeknüpfte zu vertreiben,und die Mahnungen des Dichters an die von ihm getrennte Geliebte ent-springen der gleichen Stimmung, in der Tristan sich befindet, als er vonIsolde scheiden muß. Auch in dem Gebrauch des Vierreims 99102 unddes Sechsreims am Schluß ahmt er Gotfr. nach. In leitenden Gedankenalso ist er ein Nachfolger Gotfrids, aus Hartmann hat er mehr nur einzelneStellen stilistisch entlehnt, dazu allerdings auch einige die Lebensanschauungbetreffenden Urteile, so II. Büchl. 122136 = H.s Lied MF. 214, 12 ff und146153 = MF. 214, 2733; II. Büchl. 10513 = Iwein 706674.1

So ist das Persönliche: die gegebene Tatsache, d. i. der in dem Ritterdurch die Trennung von der Geliebten verursachte Schmerz und die Gefahr,sie zu verlieren, durchzogen von einer zweiten Gedankenreihe, von allge-meinen Betrachtungen über das menschliche Schicksal. Auch in diesem

1 Haupt, MF. zu dem betr. Liede; E. Naumann, ZfdA. 22, 64ff.; Saran S. 109.