§ 25. Das I. und das II. Büchlein 159
nimmt (von 32 bis zu 4 Versen). Es ist ein Reimkunststück, denn die Strophenbestehen aus abwechselnd stumpf-klingend gekreuzten Reimen mit in sichdurchgereimten Bindungen, also ab, ab, ab ... (a = 4 Heb. stumpf, b =3 Heb. klingend). Bei solchem Reimzwang mußten natürlich oft seltene undauffallende Bindungen erkünstelt werden (sog. „wilde" Reime). Ein besonderesParadestück ist die sechste Str. mit den grammatischen Reimen auf — uot— üete. — Der Stil unterscheidet sich von dem des vorhergehenden Zwie-gesprächs, indem die Sätze meist kürzer sind, was durch die in sich ge-schlossenen Reimbindungen bedingt ist. Auch ist er lebhafter, bilderreichund, für einen Liebesbrief angemessen, geziert. Der Zusammenhang mußtesich nach den Reimen richten, diese mußte der Dichter zuerst aussinnenund konstruieren und danach erst den Inhalt gestalten. Infolge davon sinddie Gedanken oft künstlich aneinander gereiht, willkürlich, ohne organischeEntwicklung. — Das Schlußgedicht ist ein lyrisches Geleite an die Dame,in dem ihr der Dichter seine Liebeserklärung übersendet, und zwar un-mittelbar, denn er spricht in seinem eigenen Namen und redet die Geliebtean „fromme".
Das II. Büchlein
Der Dichter nennt sich nicht, war Hartmann der Verfasser? Die vielenAnklänge an H.s Werke — oft fast wörtlich ausgeschriebene Stellen 1 — ließenes von vornherein für glaublich erscheinen; auch steht es ebenfalls in derAmbras. Hs., unter Hartmannschen Werken (Überschrift: Ein klag einer frawenso sy der lieb halb tuet — hervorgerufen durch ein Mißverständnis ausV. 14 Dise wipliche klage). Haupt und ihm folgend eine Reihe von Ge-lehrten schrieben es darum Hartmann zu, aber Saran (H. als Lyriker) ausliterarhistorischen und metrischen Gründen und Kraus aus der exakten Be-obachtung des Reimgebrauchs haben es endgültig als das Werk eines Nach-ahmers erwiesen. 2 Außer Hartmann hat der Dichter auch Gotfrids Tristanbenutzt (andere Autoren s. Saran, Beitr. 24, 1. 11. 26). Demnach ist alsAbfassungszeit etwa 1220—30 anzusetzen.
Hartmanns Büchlein ist eine psychologische Allegorie, das II. Büchleinein Charakterstück. Hartmann hat ein fremdes Werk ins Deutsche kunstvollübertragen, der Verfasser des II. Büchleins, wie unselbständig er auch fremdesGut ausschreibt, hat doch die Gedanken aus sich selbst zusammengestellt.Eine „Klage", V. 14, Complainte, ist auch das II. Büchlein, aber nicht überversagte Gunst wie in H.s Büchlein, sondern, gleichsam umgekehrt, über denVerlust zuteil gewordener Minne.
Inhalt. 3 Ein Ritter hat mit einer juncfrouwe (junge Dame adeligen Standes)ein heimliches Liebesverhältnis, das aber durch die ihm von ihren Ange-
1 Saran S. 109ff.; Kraus aaO. S. 143ff. S. 223, Piquet, Panzer, s. auch Sievers,
2 Wie Haupt: Wilmanns, Jacob, Vogt, Leipz.Rektoratsredel90L — II. Büchl. u.Frei-Schönbach (wo S. 343 f. weitere Lit.); da- dank: Wilmanns, W.s Leb. 4 S. 19.
gegen wie Saran u. Kraus: Bech, Kauff- 3 Schönbach S. 362 ff.; Saran, Beitr. 24,mann, Vogt, Grdr. II, 1, 194 u. LG. 3. Aufl. 1 — 13; Piquet aaO.