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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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157
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§ 25. Das I. und das II. Büchlein 157

Tugendsysteme stellt das Herz als Lehrmeister auf. Das erste ist eine Minne-lehre 60340: swer ahte hat üf minne . . . und swer Ir lere ouch wll phle-gen. Ein höfischer Mann von Welt wird gezeichnet. Die notwendigen Grund-bedingungen für den Minnediener sind schcene sinne (wohl geordnete Ver-nunft), nur das Gute tun, die Gesinnung eines rechtschaffenen Mannes haben.Das notwendige Erfordernis zur Erfüllung der Minnepflichten ist arbeit, An-strengung, tätiger Wille 613. 73754. 776800 [kumber = Last, Mühe,Anstrengung] 898 f.; der gleichen hohen Einschätzung der Willensenergieentspringen die Scheltreden des Herzens gegen die Faulheit des Leibes.Dann werden die Tugenden aufgezählt, die der im Dienst der Minne Stehendezu befolgen hat: sich seiner guten Taten nicht rühmen, trluwe, mllte, manhelt,seinen Leib schön halten, männlich sicheres, durch Anstand beherrschtesAuftreten.

Über die Absicht, ritterliche Standesvorschriften im Rahmen einer Minne-lehre zu geben, geht das zweite Tugendsystem, der kärlingische Kräuter-zauber 1 12691326 hinaus. Es ist nicht bloß eine Minnelehre, sondern eineritterliche Tugendlehre zur Erlangung der irdischen Glückseligkeit, saelde1325, hell 1273. 1290. 1300, oder um liebes dehelnen teil (irgend etwasErfreuendes), auch die Gunst der Geliebten 1336 f. zu gewinnen. Die Minnekann man durch eigene Arbeit erdienen, aber das hohe auf Sittlichkeit gegründeteirdische Glück und die Tugenden, die dazu führen, verleiht nur die GnadeGottes. Man bedarf dazu schoener sinne. Die Tugendreihe dieser irdischenHeilslehre unterscheidet sich allerdings nur wenig von jener der Minnelehreund überhaupt von den sonstigen mhd. ritterlichen Tugendsystemen, habensie doch alle die gleiche gemeinsame Grundlage in dem Honestum derMoralis philosophia (s. oben Ein!.). Hier werden acht Tugenden aufgezählt,drei als die vernehmlichsten: mllte, ziiht, dlemuot, dazu trluwe und steete,ktaschelt und schäme, gewlslichiu (zuverlässige) manhelt. Und was ist nunjener höchste Lebenswert, den man durch diese Tugenden erreichen kann?daz Ist zer werlte ein scelekelt und ist gote nlht ze lelt, ez Ist bedenthalpein gwln, got und diu werlt mlnnet In 134346, Glückseligkeit in derWelt und doch zugleich Gott angenehm sein. 2 Es ist das höchste Ziel desim unmittelbaren Leben wirkenden Ritters, nicht nur die Pflichten gegenGott wie der Mönch, sondern auch die sozialen seines irdischen Berufesund seiner gesellschaftlichen Stellung zu erfüllen. So ist also die irdischeMinne in der religiösen Sittlichkeit begründet, und dadurch wird sie eineethische Macht, überhoben über eine bloß höfische Gesellschaftsform, überGalanterie und Minnedienst. Dieser Wertaufstieg äußert sich im Lauf des

1 Kärlingen = Frankreich (Schröder, ZfdA.aaO.). Der Ursprung, die Gewürze als Tugen-den auszulegen, liegt in den Erklärungen zumH. Lied3,6, vgl. Schönbach S.79ff., 260 ff.;s. auch LG. II, 1, 26; W. Weise, Die Sentenzbei Hartm. v. A., Marb. Diss. 1910 S. 30 ff.Eine Uebertragung auf die Tugenden der Frau

ist derWeiberzauber' von Walther vonG r i v e n, Haupt, Zf dA. 14,245 f.; BECH.Germ.16, 33337; Bartsch, Katalog der Hss. d.Univ.-Bibl. in Heidelberg S. 88.2 Gott u. der Welt gefallen: s. Einl. u. öfterim folgenden.