156
Die erzählende Dichtung
sind friunde (Freunde oder Verwandte), die in einem Hause leben (friunt 59. 121. 978;gehäset 57. 64 f., vgl. 448. 475. 702; aber nicht Blutsverwandte, mäge, 317). Sie sind beidedurch Interessegemeinschaft aneinander gekettet, sind Schicksalsgenossen 71.408—10.602.654.668 f. 725. 912. 961—68. 1030—60. 1412. Aber sie sind im Rang abgestuft, das Herz regiertund gebietet, der Leib lebt in der Gewalt des Herzens und gesteht ihm die Vorherrschaftzu 44-50. 80. 199. 310. 896. Das Herz hat sin Verstand, auch sdioene sinne 34. 81. 558.894. 949. 1490. Darum ist es der rät, Ratgeber des Leibes 77. 147. 180. 319. 535. 561—602. 647. 902 f. 1003. bes. 1009—11. 1136 ff. 1157. 1253. 1266. 1606 u.ö.
Der Leib, Körper, besteht aus der Gesamtheit der Glieder. Genannt sind Brüste 64,Mund 372, Hände 70 (das Herz hat keine Hände 529) und vor allem die Augen. Sie sindes, die dem Herzen die Erkenntnis der Dinge und alles dessen, was in der Außenweltgeschieht, vermitteln. Die Erkenntnis geht also durch die Sinneswahrnehmungen 536—57.586. Das psychologische System bekommt aber seinen Abschluß erst dadurch, daß auch derübersinnliche Teil des Menschen, die Seele, eingereiht wird und klar wird der Gegensatzzwischen der Seele gegenüber von Leib und Herz auseinandergesetzt 1034—60, auch 1191,wo die Psychologie mit dem Ausblick auf das Jenseits in die Metaphysik übergeht (llpund sele formelhaft = .mich ganz' als Pointe des Schlußgedichts 1911—14 u. schon 637).
Die Übertragung des metaphysischen Dualismus zwischen Leib und Seeleauf die Trennung innerhalb des körperlichen Menschen zwischen Leib undHerz, diese ritterlich-höfische allegorische Dramatisierung konnte unmöglichrestlos zu einer klaren Wirklichkeitsvorstellung werden, es bleibt im Grundeeine scholastisch spitzfindige Distinktion, denn die Leidenschaften (das Herz)führen kein vom Leibe getrenntes Dasein. Und so ist schließlich, wennman sich die Spekulation in ein Wirklichkeitsbild übertrug, der Leib nichtsanderes als eben der Mensch selbst (vgl. die mhd. Umschreibung der ganzenPerson durch lip, min lip = ich). Darum konnten auch Unklarheiten undWidersprüche nicht ausbleiben, so hat auch der Leib .Gedanken' 132—43.151 ff. 446. 542. 1443, hat witze (Verstand) 1413, sin 348. 894. 1388. 1480.1484 u. ö., allerdings nur geringen 1232. Formelhafte Redensarten, die aufdie vorausgesetzten Verhältnisse nicht passen: min lip = ich 108, enblandezdinem Übe 1335, vgl. auch 629, ez gät mir niht von herzen 343.
Ethik. 1 Das I. Büchl. ist hinsichtlich der inneren Form eine Allegorie:die zwei psychologischen Faktoren Herz und Leib treten als redende Personenauf; sind also personifiziert, mit menschlichen Charaktereigenschaften begabtund in die Umwelt der höfischen Gesellschaft gesetzt. Das Herz ist stark-willig, tatkräftig, leidenschaftlich, der Leib schwach, lenksam, genußsüchtig,faul, ohne Ehre 671—89. 858—68.1167. Dieser Gegensatz der Temperamentegibt die Richtung für die dramatische Entwicklung, die mit einer starkenSpannung — heftigem Streit — beginnt und mit Versöhnung sich löst. Inder Nachgiebigkeit des sich unterordnenden Leibes ist die Möglichkeit ge-geben, daß der Konflikt einen solch günstig sich lösenden Verlauf nimmt.
Hand in Hand mit diesem vom Fortissimo zum Piano abschwellendenRhythmus geht eine Veredlung und Erhöhung des lehrhaften Gehalts. Zwei
ist die Seelenlehre der Scholastik des 12. Jhs.zugrunde zu legen (Lit. s. oben S. 3), bes.die betr. Abschnitte bei Willner, Adelard;
Ostler, H. v. St. Victor; Espenberger, Petr.Lomb.; Baumgartner, Alanus usw.1 Ehrismann, ZfdA. 56, 172 ff.