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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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155
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§ 25. Das I. und das IL Büchlein 155

zwischen Herz und Leib in Hartmanns Büchlein. Anklänge» an den franz.debat ,Un samedi par nuit' und an die Visio Fulberti weisen darauf hin, daßder Streit zwischen Herz und Leib in der Tat eine Verweltlichung der geist-lichen Zwiesprache zwischen Seele und Leib ist. Also Übertragung einesgeistlichen Themas auf die weltliche Minnedoktrin. Das ist im Geiste derhöfischen, also romanisierenden Dichtung, und damit ist im allgemeinen auchschon die Frage nach Hartmanns Quelle umrissen: er wird eine franz.Vorlage gehabt haben. Das entspricht der literaturgeschichtlichen Tendenzder Zeit, dahin weisen auch die wörtlichen Übereinstimmungen mit demdebat ,Un samedi par nuit' und der in Frankreich entstandenen Visio Fulberti. 2Hartmann selbst nennt sein Gedicht eine Klage {der ouch dirre klagebegan 30). Klage ist hier = franz. complainte, also = salut als Liebesklage,Klage über den durch die Minne verursachten Kummer (V. 18). 3 Haupt hatihm den TitelBüchlein" gegeben, 4 den er dem II. Büchlein entnahm:Klelnez biiechel, swä ich si, so wone miner frouwen bi 811, der aber im

1. Büchl. selbst nicht vorkommt.

Büchlein ist ein Liebesbrief größeren Umfangs, in dem das Wesen der Minne, Minne-theorie, Minnedoktrin, erörtert wird. Es ist also eine auf der Grenze zwischen Lyrik undDidaktik stehende Dichtart. Ein durch Liebessehnsucht in seinem Gemütsleben erregterMinner (lyrisch) sucht in Verstandesdialektik zu seinem Ziel zu gelangen, die Geliebte zugewinnen. Der Weg dahin geht durch die Tugenden der Minnemoral (didaktisch). So be-zweckt in Hartmanns Büchlein der I.Teil, der Streit, eine Belehrung über die Minne, der

2. Teil, das Schlußgedicht, wendet sich persönlich an die Dame in Geiühlsergüssen, Klagen,Wünschen. Im 2. Büchlein sind die beiden Elemente, das didaktische und das lyrisch-minnigliche, ineinander verschmolzen und es fehlt eine unmittelbar persönliche Anredean die Geliebte.

Psychologische Analyse von Hartmanns Büchlein. 5 Herz und Leib bilden einezusammengehörende Substanz (34. 71. 102224 wir beide sin ein man 103033 u. ö.). Sie

1 Piquet S.7394; Panzer, ZfdPh. 31,52443.

2 Panzer hat S. 536 ff. nachgewiesen, daß dieZwiesprache zwischen Herz u. Leib in derMinnerede im Liederbuch der Hätzlerin 2. Abt.Nr. 47 S. 211 ff. (ergänzt durch Hs. Cgm. 270)eine andere Quelle hat als Hartmann u. daßdiese Quelle der Minnerede ein Salut provenz.-franz. Ursprungs gewesen ist.

8 Schönbach S. 228 ff. hält Klage für .An-klage' und stellt aus den dafür sprechendenStellen des Gedichtes eine förmliche Prozeß-klage zusammen, doch hat Panzer S. 52842 die richtige Erklärung = complainte dar-getan. Gewiß hat Klage in verschiedenenFällen den Sinn von ,anklagen', das Herzklagt den Leib an, aber wirklich verständlichwird das Wort Klage nur, wenn man in Be-tracht zieht, daß im Mhd. sich die BegriffeWehklage u. Anklage durchschlingen u. imSprachbewußtsein miteinander verknüpft wa-ren. Eine Sündenklage, überhaupt die Beichte,ist eine Wehklage über die Verfehlungen u.zugleich eine Selbstanklage, sowohl lamen-tatio als accusatio, vgl. LG. II, 1,175 A.2.

So tragen lat. Pönitenzgedichte die OberschriftLamentum poenitentiale, andrerseits aber auchDe accusatione hominis erga Deum, u. dieBezeichnungen Wehklage (lamentum, lamen-tatio, planctus, fletus u. a.) wechseln ab mitAnklage (accusatio u. a.). zB. das lat. Lamen-tum poenitentiale bei W. Meyer, Ges. Ab-handl. 2, 190 ff. beginnt mit Audi, Christe,tristem fletum, V.34 mit Accuso me; oderin Pseudo-Bernh.s Tract. de interiori domoCap. XVII : pergit (homo) accusare et deploraremiserias suas. Ülr.s v. Liechtensteins/Ctagtf-liet (eine tanzwise) S. 411, 26 ff. ist allerdingseine Anklage der Geliebten vor dem Forumder ,minnecli(hen wip'. Üb. Klage = An-klage s. bes. Burdach, Ackermann pass.

4 Ulrich v. Liechtenstein nennt seine dreilängeren Liebesbriefe büedielin, büediel 44,17ff. 142, 13ff. 382,13ff. EinBüchlein" waraus mehrerenPerg.blätternzusammengeheftet,dadurch unterscheidet es sich vom ,brief imSinne von ,Liebesbrief, der kürzer war undgewöhnlich nur aus einem Perg.streifen be-stand.

5 Für das tiefere Verständnis des Büchleins