154
Die erzählende Dichtung
*,U«
Das Thema vom Streit zwischen Seele und Leib trifft den Kernpunkt dermittelalterl. Psychologie, deren Inhalt ein anthropologischer Dualismus ist.Auf derselben psychologischen Grundlage beruht eine Variation dieses Streit-motivs, der polemische Dialog zwischen Herz und Leib. 1 Der Leib, derphysische und vergängliche Teil, besteht aus den Gliedern. Auch das Herzgehört zum Leibe und streng ist der Unterschied festzuhalten zwischen Herzund Seele: das Herz ist lediglich ein Körperteil, es liegt mitten im Menschen,ist Regent der niederen Sinne, es ist Sitz der Leidenschaften (Pseudo-Bern-hard, De amore Dei II Cap. 1) und ist gänzlich verschieden von der supra-naturalen Seele. Durch die Sinne, bes. durch die Augen, wird die Außen-welt dem Herzen übermittelt. Da die Persönlichkeit des Menschen sich sicht-bar im Körper (Leib) darstellt, so konnte der Leib überhaupt die Rolle desganzen Menschen übernehmen und das Thema lautet dann, literarisch ge-faßt: Kampf des Menschen gegen sein Herz. In Traktaten und Predigtenist es oft behandelt, in der älteren mhd. Literaturgeschichte am ausdrucks-vollsten in der Mönchspredigt „Trost in Verzweiflung" (LG. II, 1,194—96). 2Die weltliche Literatur übernahm aus dem geistlichen Anschauungskreise dieScheidung von Leib (oder Mensch) und Herz, es wurde zum Gemeinplatz,daß das Herz bei der Geliebten zurückbleibt, wenn auch der Leib an anderemOrte weilt. 3 Die Verhöfischung geschah im Französischen. Ein besondersnahetreffendes Beispiel ist ein franz. Salut (Liebesbrief), in dem der Dichtersein Herz und seine Augen wegen seiner Minnepein anklagt (P. Meyer, Bibl.de l'Ecole des Chartes 6. Reihe Bd. 3 S. 150 ff.). Die Beteiligung der Augenan dem inneren Vorgang der Liebespein beruht auf dem erkenntnistheoreti-schen Grundsatz der mittelalterl. Psychologie (u. schon im klass. Altertum), daßdie im Bewußtsein haftenden Empfindungen und Vorstellungen durch dieAugen eingedrungen sind, also daß auch die Liebe durch die Augen in dasHerz geht. Auch dieser psychologische Vorgang ist Gegenstand einer poe-tischen Disputation geworden in dem lat. Streitgedicht Disputatio interCor et Oculum. 4
Dramatisiert als wirkliches Zwiegespräch zwischen den beiden Parteien,d. h. zum wirklichen Streitgedicht der Form nach, ist der Antagonismus
1 Schönbach, Üb. Hartm. S. 169 f. erinnertan die Dreiheit in Hugos v. S. Victor Deunione corporis et Spiritus (Mignel77,285ff.),aber diese ist etwas anders aufzufassen, caroist = äp, aber Spiritus nicht = cor, sond.cogitatio, und bedeutet demnach die Wahr-nehmung durch die Sinne (wie in HugosStufenfolge Cogitatio, meditatio, contempla-tio), per sensus carnis (des Leibes); mensendlich ist — discretio, die Vernunft, das be-griffliche Denken, die Erkenntnis per sensusrationis (Migne 176, 266). — Üb. Herz u. Leibs. Schönbach S. 469 ff.; Mor. Schittenhelm,Verwendung des Wortes Cuer im Altfranz.,Tüb. Diss. 1907.
? Aus seinen theol. Studien in der Kloster-schule (divinitas, Gregor 1187) war Hart-mann das Grundgesetz der christl. Moral,Kampf gegen die Sinnlichkeit, gegen dieLeidenschaften und also auch gegen das Herz,bekannt. Die in der Tat näheren Ueberein-stimmungen mit dem /Trost in Verzweiflung'machen es wahrscheinlich, daß H. durch einenTraktat od. eine Predigt ähnlichen Inhalts be-einflußt war (Schönbach, Üb. Hartm. S.396—403).
a Der Herzenstausch bei den Minnesingern:Piquet S. 77; s unt. Hartm., Wolfr., Gotfr.
* Jantzen S. 14 f.; Walther S. 62 f., 76;Piquet S. 77f.; Batiouchkof S. 541.