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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 25. Das I. und das II. Büchlein

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ob man einen Clericus lieben soll oder einen Miles (Ritter). Nur Kleriker sind zu der Be-ratung zugelassen. Die Entscheidung fällt demnach auch nur dahin aus, daß es gut undweise sei, Kleriker zu lieben. Das Gericht stellt sich als eine wahre Begebenheit dar durchgenaue Bezeichnung des Ortes der Versammlung (Kloster Remiremont in Lothringen) undNamensnennung zweier beteiligter adeliger Damen.

Das sind Auswirkungen einer leichtfertigen Erotik, Verherrlichungen der Weltlust, diegrelles Licht auf die Sitten der Geistlichen werfen. Unserem Empfinden erstaunlich ist dieOffenherzigkeit, mit der solche bedenkliche Moralfragen behandelt werden. Noch stärkerbefremdet uns die Unterhaltung zwischen Ganymed und Helena, in welcher jener dieKnabenliebe rechtfertigt, während die Lakonierin für den natürlichen Verkehr der Geschlechtereintritt. Mit raffinierter Dialektik werden hier auch für das Widernatürliche logische undsittliche Gründe ins Feld geführt, wenngleich schließlich die Ratio unter dem Beifall derGötter den Jüngling, der selbst seine Sache für verloren gibt, als besiegt erklärt.

In der Form dialektischer Antithese sind hier Kulturbilder entwickelt aus dem Studenten-leben, aus dem weltlichen Treiben der Geistlichen und aus der höfischen Gesellschaft. Dassind im Grunde standesmäßig beschränkte, auf die Gelüste des irdischen Daseins gerich-tete Werte. Aber über eine ernste Sache der ganzen Menschheit wird disputiert in demStreit zwischen Leib und Seele: 1 über das Seelenheil des Menschen, Sündenschuld undewige Verdammnis. Ein schlafender Mönch hat eine Vision: der Leib eines reichen Mannesliegt tot da, die Seele, die ihn verlassen, bezichtigt ihn wehklagend, durch seine Verbrechenihrer beider Verdammnis verschuldet zu haben. Der Leib schiebt die Verantwortung aufdie Seele, denn ihr sei die Vernunft gegeben, das Fleisch zu regieren und zu bändigen.Die Seele gesteht ein, es unterlassen zu haben, den Leib gehörig im Zaum zu halten, aberer habe den Lockungen der Welt zu sehr nachgegeben. Abgeschlossen wird das Wechsel-gespräch durch eine Teufelszene: die Seele wird dem höllischen Feuer übergeben. Diese 1Vision von dem schrecklichen Ende des sündhaften Lebens war im MA. weit verbreitet. 'Ihr Ursprung scheint im orientalischen Christentum zu liegen, dahin weisen eine lateinischePredigt des XI./XII. Jh.s, die die Geschichte mit dem heil. Macarius v. Alexandrien (4. Jh.)in Verbindung bringt, ferner armenische, russische und serbische Überlieferungen. Diewichtigste abendländische Fassung ist die lateinische Visio Fulberti, 2 Dialogus inter Cor-pus et Animam, in 90 Vagantenstrophen, die das Gesicht einem franz. Eremiten Fulbertuszuschreibt (eine andere lateinische Version:De Contentione anime et corporis" s. Rom. 20,566 f.). Verwandt oder unmittelbar daraus geschöpft sind die Bearbeitungen in den Vulgär-sprachen, das ags., norweg., franz., 3 catalan., italien., deutsche (Visio Philiberti), tschech.Gedicht.*

1 Jantzen S.13ff.; Walther S 63 ff. 211 ff.218ff.;diemhd.Visio Philiberti: Karajan,Frühlingsgabe 1839 S. 85 ff., BearbeitungenS. 150 ff.; M. Rieger, Geim. 3, 396407;Bartsch, Erlösung S.311 ff.; Varnhaoen,Anglia 2, 225 ff.; Gust. Kleinert, Über denStreit zw. Leib u. Seele, Hall. Diss. 1880; K.Raab, Üb. vier allegor. Motive, Progr. Leoben1885 S. 19 ff.; Batiouchkof, Romania 20,(1891), lff. 513ff.; Schönbach, Die ReunerRelationen 1, Wien. SB. 139 (1898) Nr. 5; Pan-zer, ZfdPh. 31,525 ff.; Hildebrand, DWb.4,2662; Altercatio Carnis et spiritus, WaltherS. 77 ff. 215 f. Grundgedanke u. Einzel-heiten der Visio Fulberti berühren sich mitden Jenseitsvii-ionen, Tundalus, Visio S. Pauli,Von d. Zukunft nach d. Tode und den Dich-tungen Heinrichs v. Melk, s. LG. II, 1 Reg.Vorbild f. d. mittelalterl. Gespräche zw. Seeleu. Leib waren Augustins Soliloquia, Gespräch

zw. Augustin u. d. Vernunft.

2 Ed. Du Meril, Poesies populaires lat. an-terieures au XII. siecle S. 21730. Herm.Brandes, Zur Visio Fulberti, Progr. Potsdam1897; Panzer, ZfdPh. 31, 525ff.

3 Bes. ,Un samedi par nuit', Varnhagen, Erl.Beitr. z. vgl. Phil. 1, 120 ff.

4 Das gleiche Thema von der zwiespältigenNatur des Menschen hat Hildebert v.Toursvon einer ganz andern Höhe aus betrachtet inseinem philosoph.theolog. Liber de ConflictuCarnis et AnimaefMigne 171,9891004); vgl.auch Bonaventura, Soliloquia, Gespräch zw.dem Menschen u. der Seele; auch SummaTheol. 27,1 ff. (LG. II, 1, 53-58). - Hildebertnimmt wie Augustinus eine den Leib gegen-über der Seele entschuldigende Stellung ein,De Civil. Dei XIV Cap. 3; vgl. auch Abälard,IV. Brief an Hei. (Leib u. Herz).