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Die erzählende Dichtung
und die Tugenden lehren, die man zur Erwerbung der Minne haben muß.Dem Gedankengehalt nach ist also das Gedicht eine Minnelehre.
Das mittelalterl. Streitgedicht. 1 Die Disputation über einen Gegenstand und dialek-tische Disputationen überhaupt gehörten zum mittelalterl. Schulunterricht und wurde methodischgelehrt in der Dialektik, die Methode bewegte sich oft in disputierendem Dialog zwischenLehrer und Schüler. Zahlreich sind die polemischen Religionsgespräche. 2 Gegensätzlichpointierte Wechselrede entsprach schon dem logischen und rhetorischen Formsinn des Alter-tums. Beispiele aus der griechischen Literatur sind die äsopische Fabel über den Streit zwi-schen Frühling und Winter, Eidcu/iovta und 'ÄQezr) in der Parabel von Herkules am Scheide-weg, Apollo und Marsyas, die bukolischen Wettgesänge des Theokrit. Von Theokrits Hirten-dichtung geht die Entwicklung des Streitgedichtes unmittelbar zu den eklogischen Wett-gesängen Virgils, und dessen 3. Ekloge gab Motive ab für den ältesten mittelalterl., demAlcuin zugeschriebenen Conf lictus Veris et Hiemis, 8 der den volkstümlichen Jahrzeit-mythus vom Kampf des Sommers mit dem Winter zum Ausgangspunkt hat. Geistliche Ten-denz beherrscht den scholastisch-dialektischen, dem Hermannus Contractus von Reichenauzugeschriebenen Conf lictus ovis et lini, 4 zwischen Schaf und Flachs, d.h. zwischenWolle und Leinwand: die Darstellung hier ist allegorisch aufzufassen, indem das Schaf,das mit seiner Wolle die härenen Gewänder der Asketen liefert, als Vertreter des spirituali-stischen Mönchtums, der Flachs, aus dem die Kleider der Priester (IL Mos. 28, 42. 30, 27,III. Mos. 6, 10) gefertigt werden, als Vertreter der mehr realistischen Weltgeistlichen charak-terisiert ist. So schließt sich dieser Dialog an eine Gruppe von Streitgedichten an, die inverschiedener Einkleidung weltliches und geistliches Leben einander gegenüberstellen (JantzenS. 16—18, bes. die Disputatio Mundi et Religionis). 5 Echt vagantisch ist der mit Scholaren-scherzen gewürzte Conflictus Aquae etVini, in dem der Wein Sieger bleibt; und dieStreitfrage, ob ein Ritter oder ein Kleriker besser zur Minne tauglich sei, wobei die Ent-scheidung des Liebeshofes zugunsten des geistlichen Herrn ausfällt, in den köstlichenVagantenstrophen des Dialogs DePhyllide et Flora. 6 Höchst anmutig, zugleich mitdurchsichtiger Ironie, ist in diesem vagantischen Mustergedicht die mittelalterl. höfischeSpielerei mit der antiken Götterwelt verwoben. Ganz in die Gesellschaft jener franz. Damendes Kaplans Andreas, die die Gesetze der Minnekunst diktierten, führt Das Liebes-konzil: 7 eine Versammlung von Nonnen, Dienerinnen Amors, verhandelt über das Thema,
1 Wackernagel, LG. P, 380 ff.; Herm.Jantzen, Gesch. d. dt. Streitgedichtes imMA.,Germ. Abhandl. 13 (1896), dazu Cbl. 1896,1773, Helm, Lbl. 1897, 186 f., Euling, DLz.1898, 1524—26, Reuschel, ZfddUnt. 12,129—31, Bömer, Zfvgl. LG. 11,240-42, Rosen-hagen, ZfdPh. 30, 280—85; E. Langlois,Origines et Sources du Roman de la Rose1890; Creizenach, Gesch. d. neueren Dramasl 2 , Halle 1911, Reg. S. 622; H. Walther, D.Streitged. in d. lat. Lit. d. MA.s, Münch. 1920,dazu Hilka, Lbl. 1926,367 f.; Burdach, Acker-mann S. 213; Paul Lehmann, Die ParodieimMA.S.156ff.;s.auchLG.I,56f. II, 1,326ff.(Salom. et Marcolfus); afrz. Streitgedicht, debat,s. Gröbers Grdr., Reg. S. 1259; prov. Streit-ged.: Tenzone.
a s. bes. M. Grabmann, Gesch. d. scholast.Methode, s. oben.
8 Ebert2', 68; Manitius 1,279; UhlandsSchriften 3, 17 ff. 40 ff. u. Anm. u. Germ. 5,257 ff.; Jantzen S. 5 f. 38 ff.; Walther S. 34 ff.;191 ff.; Hildebrand, Materialien (1900) S.92—106; v. Winterfeld, Dt. Dichter d. lat.MA.s
S.482 ff.; Wilmanns, Walthers Leb.* S.456.
4 ZfdA.ll, 215-38; Walther S. 55 ff. 58.143; vgl. den Zank zwischen dem weißen u.schwarzen Schaf von Odov. Cheriton (Ciring-tonia), Schönbach, Wien.SB. 139(1898),92;des Sedulius Scottus Certamen zwischen Roseu. Lilie, Ebert 2 1 , 197 f.; Ganzenmüller >NaturgefühlS. 107 ff.
5 Auch der Rithmus de Fide et Rationeinuicem disceptantibus mit dem Schluß: uictacedit Ratio (Vernunft), Fides (Glaube) coro-natur, Peiper, Schnorrs Arch.7 (1878), 420ff.;Wilhelm, Münch. Mus. 2, 230—38 u. 367.
6 Bömer, ZfdA. 56, 217-39; P. Lehmann,Parodie im MA. S 169; H. Brinkmann, ZfdA.62, 34 ff., s.ferner LG. II, 3.— DeutscheGed.üb. d. Vorzug, welcher Stand sich am bestenzur Liebe eignet, s. Jantzen S. 44 ff.; WaltherS.147ff. Weinu.Wasser: J.H. Hanford, Publ.of the mod. lang. ass. of America 28, 315—67.
7 Neueste Ausg.: Gott. Nachr. 1914; vgl.außer Jantzen u. Walther: Lehmann, Pa-rodie S. 156ff.; Warren, Mod. Lang. NotesXXII Nr. 5.