Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
151
Einzelbild herunterladen
 

§ 25. Das I. und das II. Büchlein 151

Heinzel S. 11172 u. ZfdA.56,14; ZwiERZiNA,Festg.S.437ff. pass., Besprechungen zu Krausu. Zwierz. s. ob.; Ehrismann, ZfdA.56, 172ff. Stellen: Paul, Beitr. 1, 2057; Sprenger,Germ.27, 375; Sievers, selpwege, Beifr. 5, 54447, s. auch Ehrismann, Germ.35, 5557;Schröder, ZfdA. 56, 247 f.

Das I. Büchlein

Hs.: Die berühmte Ambraser Hs.; Reihenfolge des Inhalts derselben: Iwein, I. Büch-lein, Zaubermantel, II. Büchlein, Erec (Saran, Üb. H. v. A. als Lyriker S.39). Der Text ist sehrverderbt. Überschrift: Ein sdiön Disputatz. Von der Liebe, so einer gegen einer schönenfrawen gehabt vnd getan hat.

Inhalt. A. Einleitung 132: die Macht der Minne bezwang einen jungen Mann U un S e -linc 7), daß er ein Weib liebte. Sie erhörte ihn nicht. Verschwiegen klagte er seinen Schmerznur in seinem Innern. Das war von Ouwe Hartman.

B. Hauptteil 331644, Zwiegespräch zwischen Leib und Herz, a) 33484. Der Leibbeschuldigt das Herz, daß es ihn zwang, einer Dame zu dienen (7586Thema), die diesenDienst verschmäht (182) und ihm dadurch alle Lebensfreude benimmt (287). b) 485972.Das Herz weist mit Scheltworten diese Beschuldigungen als beleidigende Verdrehungenzurück: nicht ich, sondern du selbst, deine Augen haben das Leidwesen verschuldet, denndurch sie habe ich das schöne Weib gesehen (545). Um Minneglück zu erwerben, dazu ge-hört arbeit (613), Anstrengung, Ertragung von Mühsal in der Ausübung von Mannes-tugenden, du jedoch vertreibst den Tag mit allen möglichen Vergnügungen (671). Aber ohnemühevolle Arbeit hat nie ein Mann Freude gewonnen, darum laß deine Schlappheit undsei ein Mann (737). c) 9731125. Der Leib stellt mit ruhigen Worten das beiderseitigeVerhältnis richtig: Leib und Herz gehören zusammen. Er will den Minnedienst übernehmenund alles Rechte tun. Damit ist die Versöhnung angebahnt, d) 11261268. Das Herzlenkt ein, in einer Wechselrede (Stichomythie) stellt es an den Leib die Forderung rich-tigen Minnedienstes, dieser bittet um lere und rät. e) 12691375. Das Herz lehrt ihn dieTugenden der Minne in einer Allegorie vom krützouber (die Tugenden als Kräuter einesLiebeszaubers), f) 13761535. Der Leib will die Lehre des Herzens erfüllen, um die Gnadeder Dame zu gewinnen und schwört einen Eid auf seine Treue, g) 15361592. Das Herzgibt dem Leib noch die Verhaltungsmaßregel, ruhig, nicht übereilt um die Minne zu werbenund klagt über die Frauen, die ihren Verehrer zu lange hinhalten, h) 15931612. Der Stilist umgekehrt: jetzt verweist der Leib dem Herzen seine Klage über die Frauen, i) 161344. Zum Schluß gibt das Herz dem Leib die beste Lehre: sei treu (wis stcete)\ und sen-det ihn als Fürsprecher zu der Geliebten.

C. 16451914. Auf die Erzählung vom Streit folgt ohne direkten Zusammenhang ein

Schlußgedicht, in welchem der Dichter, sich unmittelbar an die Dame wendend, seine

Stimmung ausspricht: Klage über unerhörte Liebe, Bitte um Trost und Versicherung der Treue.

Als Verfasser des Gedichtes nennt sich Hartmann selbst 20. Es ist ein

Jugendwerk, als Jüngling hat er es verfaßt 7, vgl. 147984. 1

Der Hauptteil des Gedichtes ist ein Streit zwischen Leib und Herz überdie Beschwerden der Minne und deren Heilung. Damit sind Form undInhalt bestimmt: es ist eine Liebesklage und zugleich Liebeslehre in Formeines Streitgedichts; damit ist auch die psychologische Entstehung be-urteilt: es ist nicht aus unmittelbarer Empfindung entsprungen, sondern eineArbeit der Reflexion, es ist nicht lyrisch erlebt, sondern verstandesmäßig,dialektisch konstruiert wie eine scholastische Disputation und hat einen lehr-haften Zweck: es will das richtige Verhalten im Minnedienst beschreiben

1 18-21 Jahre: Schönbach S.284«.; Saran, Beitr. 23,108 (um 1187/88).