§24. Die Lieder 149
sich weit über die Minnelieder der Frauenmonolog 217, 14, die ,Witwenklage'(s. bes. Vogt MF.» S. 445 f.). H. hat sich Reinmars Totenklage der Herzoginvon Österreich (MF. 167, 31) auf den Tod ihres Gatten Leopold VI. (f 1. Dez.1194) zum Vorbild genommen, und so ist für sein Lied auch eine ähnlicheVeranlassung höchst wahrscheinlich, d. h. seine Klage (217, 17. 25. 38) isteine Totenklage, die er für die Gemahlin seines eben gestorbenen Herrndichtete. Dieses Trauerlied einer kummergebeugten Frau über ein schweres,von Gott gesandtes Schicksal ist, wie sehr es auch unter dem Gedanken-gang von H.s Minnesang steht (wip nie liebern friunt gewan 217, 21, dieletzte Strophe mit dem Glück des weder durch Lieb noch durch Leid ge-störten Gleichmuts, vgl. 214, 12), doch tief religiös empfunden: Gott mögesein pflegen, der pflegt sein besser als ich (religiös auch 217, 16. 34).
Und so leitet dieser Totentrauergesang über zu der zweiten Gruppe vonH.s Liedern, zu denen von der Gottesminne. Hier ist der Gesellschafts-dichter H. zu einem Verkünder großer Zeitideen geworden. Das 1. Kreuz-lied, 209, 25—211,19 ist in seinen beiden ersten Strophen eine Aufforderungan die Ritter, für Gott zu streiten, wodurch ihnen sowohl der wertete topals auch der sele heil zuteil werden wird. Die folgenden Strophen gebendas persönliche Verhalten des Dichters in dem Zwiespalt zwischen Gott undWelt wieder. In Str. 4 flicht er in diese die Menschheitsgeschichte und dasEinzelleben entscheidende Idee ein Ereignis ein, das seiner ganzen bisherigenLebensstimmung, soweit sie in den Liedern ausgesprochen ist, eine andere,eine ernste, von der Welt sich zum Ewigen wendende Richtung gab: esist der Tod seines Herrn. Mit seinen Minneliedern folgt er der Konvention,die Kreuzlieder sind eingegeben durch die großen, die Christenheit bewe-genden Weltereignisse, in dieser Strophe auf den Tod seines Herrn aberspricht der Mensch aus eigenstem Innern sein schmerzlichstes Erlebnis aus.Es ist zugleich ein Bekenntnis höchster Ritterpflicht und Mannestugend, derMannentreue, wie sie das Heldenepos im Charakterbild des treuen Dienst-mannes poetisch verklärt hat. In der Zusatzstrophe zu dem 1. Lied H.s inMF. 206, 10 verbindet er den Tod seines Herrn noch mit seinem Minne-dienst; der Verlust des Herrn und der Geliebten sind hier für ihn die zweibitteren Lebenserfahrungen, mit denen er das, was er je an Freuden hatte,teuer hat bezahlen müssen.
Das 2. Kreuzlied, eigentlich nur eine Strophe, 211, 20, ist ebenfalls einAufruf zum Kreuzzug, hier an die Frauen gerichtet, daß sie die Männer zurFahrt anspornen sollen.
Rein persönlich ist das 3. Kreuzlied, 218, 5, das eigenartigste und gehalt-vollste, auch am meisten Schwierigkeiten bietende Lied H.s. Es ist seineletzte lyrische Gabe, ein Abschiedssang, ein Scheiden von Land und Leutenzur Kreuzfahrt und auch ein Abschied vom Minnesang, gleichsam sym-bolisch für seine innere Umgestaltung, eine Wandlung der ethischen Persön-lichkeit von einer niederen zu einer höheren Stufe der Minne, von der