148 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG
Erhörung, auch ist er öfter und auf längere Zeit von der Dame getrennt,darum erschöpfen sich seine Lieder in Klagen über die ihm versagte Gnadeder Dame. Auf stcete gründet sich jedes echte Minneverhältnis, darum iststcete das ethische Kernwort in seinen Liedern. Aber schließlich, nach langemSchwanken, gibt er doch den fruchtlosen Dienst auf und kündigt ihn (207,11).Es zeugt für seine edelmütige Gesinnung (oder auch nur für seine Höfisch-heit?), daß er die Schuld auf sich nimmt, wegen seines Ungeschicks undseines wandeis (Unfertigkeit): si lönde mir als ich si duhte wert 206, 8,vgl. auch 207, 23 ff. In seinem in all diesem Zwiespalt doch versöhnlichenGemüt tröstet er sich, daß er in den langen Jahren wenigstens von der Hoff-nung auf Erhörung zehrte 208, 20 ff. Und noch leichter wird er mit seinemMißgeschick (trüren) fertig, 211, 27, wenn er dagegen ein bewährtes Klug-heitsmittel anwendet: nun laß es so gehen (nimm es hin), es war dir sobestimmt; bald wird dir wieder etwas Gutes kommen. So soll man sichdes Besten versehen. 1 Aber auch von einem beglückenden Liebesbund redeter in zwei Liedern, von der guoten, diu min schone pflac 214, 33 und vonder er scheiden muß; und in dem Lied 215, 14 von einer Liebe, die ihnveredelt und seinen Sinn zu Gott und der Welt richtet 215,19 und frommeStimmung in ihm erweckt 215, 37. Durch die über das Weltliche hinaus-gehenden Gedanken — im ersten der beiden Lieder über die Wirkung derTreue auf die Trauer des Leibes und den Nutzen für die Zukunft der Seele214, 27 ff. — nähern sich diese beiden Lieder denen der Gottesminne (denInhalt der 1. Str. von 214, 12 hat der Dichter des II. Büchl. aufgegriffenV. 121—36. 146—56, s. unten). Und schließlich überhaupt eine Satire aufsein Minnewerben in dem köstlich realistischen Erlebnislied 216, 29! Dieschlimme Erfahrung, die er mit seiner Liebeserklärung bei einer frouwemachte, hat ihn abgekühlt, nun wendet er sich den armen wtben zu, dafindet er gewiß eine, die ihn will und sein Herz froh machen wird. Alsoein Preis der ,niederen' Minne. Der flotte, burschikose Ton fällt ganz ausden sonst so konventionell höfischen Lebensformen in H.s Dichtung heraus. 2Liebenden Frauen sind drei von H.s Liedern in den Mund gelegt. Dererste dieser Frauenmonologe, 212,37, die betrogene Geliebte, ist ihm aberwohl aus sprachlichen Gründen abzusprechen wegen des umgelauteten Con-junkt. prät. fände (: künde :ünde), da er sonst nur die entsprechenden Formenohne Umlaut gebraucht (Kraus, Festg. f. Heinzel aaO. S. 115). Das zweite Frauen-lied mit dem von H. sonst nicht angeschlagenen Motiv des Natureingangsspricht das sich über den Rat der Verwandten hinwegsetzende Begehren des sichdem Manne hingebenden Weibes aus. An Tiefe des Stimmungsgehalts erhebt
1 Jellinek, Beitr. 45, 60 ff. spricht das LiedH. ab.
8 Ein Beispiel dafür, wie ein mittelalterl. Dich-ter doch kein in sich so geschlossener Typus,kein so widerspruchsloser Charakter ist, alswelchen wir ihn aus seinen Werken zu kon-struieren geneigt sind. Wir können wohl Welt-
anschauung u. geistige, d.h. künstlerische Be-gabung und Tendenz eines Autors aus seinenDichtungen in großen Zügen erschließen, aberder wirkliche Mensch mit seiner individuellenSeelenverfassung und in seinem äußeren Ver-halten ist viel komplizierter, als er sich in seinenWerken darstellt.