§ 23. Hartmanns Leben \ 45
Somit ist H.s dichterisches Schaffen unter dem Leitgedanken der mittel-alterlichen Weltanschauung zu betrachten, unter dem Dualismus des Intelli-giblen und der Erscheinung. 1 Dieser Weltzwist ist der Grundgedanke inseinen beiden religiösen Dichtungen. Sie ergründen das Wertverhältnis zwischenWeltgenuß und Gottergebenheit. Gregorius und der Ritter von Aue habeneine seelische Läuterung durchzumachen, übergroße Weltlichkeit versperrtihnen den Weg zur wahren, demütigen Frömmigkeit, die Schuld sühnen siedurch Entsagung in harten Leiden. Aber als Laie bekennt sich H. zu dervermittelnden Ethik seines Standes: das Wohlgefallen der Menschen zu ge-winnen und doch das Heil der Seele zu bewahren (Lieder MF. 210, 10. 25.29, Einl. zum AH. 12—15, Erec 7783 f. 9988 f.). Die weltlichen Handlungen •können ebenfalls verdienstlich sein, nur sind sie geringwertiger als die vonder Gottesidee getragenen. Im Erec und Iwein zeichnet er seelische Ver-wirrungen ritterlicher Helden, die durch Überschreiten des richtigen Maßeshervorgerufen sind, und ihre Lösung durch tüchtige Pflichterfüllung. Damitsind sie als Leitbilder des richtigen weltlichen Lebens aufgestellt
H.s Werke haben alle einen sittlichen Gehalt, er selbst faßte sie auch alsBildungsschriften auf. Er will lehren; auch in vielen einzelnen Bemerkungen,Sentenzen, Lebensregeln ergeht sich seine lehrhafte, leicht schulmeisterlicheNeigung.
In keinem seiner Werke spricht H. von einer äußeren Veranlassung, etwavon dem Auftrag oder dem Wohlwollen eines Gönners. Dieses Schweigenbesagt aber nicht, daß er seine höfischen Dichtungen überhaupt ohne Hin-sicht auf ein bestimmtes höfisches Publikum, dem er nahestand, verfaßt habe.
Sucht man den inneren Ursprung seiner Werke zu erschließen, sostellt sich die Frage: Aus welchem Erleben heraus hat H. sie geschaffen?Die Lieder und das Büchlein sind hervorgegangen aus der höfischen Modeder Frauenverehrung, die er standesgemäß in seiner Jugend mitgemacht hat.Sein ihm innewohnendes und durch die Umwelt gekräftigtes weltliches Idealedlen Rittertums und zugleich die an ihn tretenden Anforderungen der aristo-kratischen Gesellschaft, deren Mitglied er war, sind Erlebnisquellen für seinebeiden Ritterromane. Seine geistlichen Dichtungen stellen Ausströmungenseines eigensten seelischen Empfindens dar, Auseinandersetzungen über dastiefste Geheimnis von Leben und Ewigkeit.
Die Antwort auf die Frage nach H.s künstlerischer Bedeutung undLeistung ergibt sich aus dem Befund seiner seelischen Veranlagung. Seinemehr intellektuell bestimmte als phantasiekräftige Wesensart neigt sich be-sonders zur Pflege der Form. Allerdings was das Publikum zuvörderst interes-sierte, das war gewiß der Stoff, die Tat des Dichters war die künstlerischeAusführung, dem Stoff die äußere und die seinem eigenen Selbst wesen-hafte innere Form zu geben. Und gerade auch die Sprachgestaltung in Stil
1 Theod. Langer, Der Dualismus in derWeltanschauung u. Sprache H.s, Qreifsw.
Deutsche Literaturgeschichte III 10
Diss. 1913; Joh. Fiebach, Die dualist. Welt-anschauung im AH., Beitr. 44, 279—89.