144 Die erzählende Dichtung
unglückter Frauendienst trübte vorübergehend seine jüngeren Jahre, machteihn aber auch an Erfahrung reicher. Da wurde er in die Weltbegebenheitenhineingerissen, er rüstete sich zum Kreuzzug, aber zugleich betraf ihn ein tieferSchmerz, der Tod seines Herrn. Die großen politischen Ereignisse und diesessein eigenstes Erleben vertieften sein Wesen durch einen bedeutenden innerenGehalt. So weit können wir, ohne uns in vage Vermutungen zu verlieren,H.s Leben zusammenstellen.
Den inneren Menschen enthüllen uns seine Werke. In seinen Dichtungenspürt man seine Seele. In der Wahl und Behandlung des Stoffes, in derAuffassung, die er in ihn hineinlegte,, in der ethischen Einstellung, in dergesellschaftlichen Lebensformung, in der stilistischen Rundung tritt uns einein ausgesprochenen Zügen bestimmte Persönlichkeit entgegen. Der Mittel-punkt dieser geistigen und sittlichen Individualität ist die Mäze, 1 die Har-monie der seelischen Bewegungen, die Besonnenheit zur Regelung des sitt-lichen Lebens. Ihn durchwogten keine starken Leidenschaften, darum hatteer keine schweren inneren Kämpfe zu bestehen; 2 sein Wille war von Naturaus sittlich bestimmt, er brauchte sich nicht gegen heftige Affekte zu wappnen.Er ist kein tiefgründiger Denker oder gedankenvoller Grübler. Er ist einein sich ruhende, befriedete Natur, in praktischer Lebensklugheit weiß er sichmit dem Widrigen abzufinden. Er beruhigt sich bei dem Grundsatz: es mußteso sein, bald wird auch wieder Gutes kommen (s. unten). Und bei allerIdealisierung des Lebens war er selbst kein lebensabgewandter Mensch, erlebte mitten im tätigen Leben und er bekundet auch sein Interesse am wirk-lichen Leben stellenweise in seiner Dichtung, indem er eigene Erfahrungeinflicht (die Schulerziehung im Gregorius) oder realistische Züge (z. B.sein Lied von der niederen Minne, anderes s. unten bei Erec und Iwein). —Streng hält er die höfischen Lebensformen ein und hütet sich, den gutenTon zu verletzen. Herzensgüte und ein menschenfreundliches Gemüt machenihn liebenswert und den Ernst seiner schicksalsschweren Dichtungen weißer zuweilen durch leisen Humor zu mildern. Am schönsten aber zeigt sichsein reiner Charakter in der Treue gegen seinen toten Herrn, und in mehrerenseiner Werke ist es die Treue, die die tragische Spannung löst: die Treuedes Weibes zum Mann im Erec, des Mannes zum Weibe im Iwein, die Treueder hingebenden Aufopferung im Armen Heinr. Er ist ein innerlich frommerMensch. Auch er kennt das Sein nur unter dem Dualismus von Welt undGott. Alles Gute kommt von Gottes Gnade (AH. 392—403, Erec 10083—96).Aber dem Laien gebührt auch die Erfüllung seiner weltlichen Pflichten.Dieser Auffassung des Lebenssinnes gibt er selbst in seinen Werken Ausdruck.
1 Heinzel, Kl. Sehr. S. 112 ff.
2 Die persönl. Bemerkung Greg. 799—804,er habe nie Freude noch Unglück erlebt, ist-allerdings kein unzweifelbares Selbstbekennt-nis, vielmehr e. Entschuldigung seiner Un-fähigkeit, die Größe des Jammers der Her-zogin zu beschreiben, e. Bescheidenheits-
bezeugung wie Erec 1590—1610 u. 7479 f. u.wie auch Gotfr. v. Straßburg im Tristan 4587ff.sein dichterisches Unvermögen erklärt; wasRud. v. Ems im Alexander 3063 ff. (Junk,Beitr.29, 422 ff.) u. im Wilh. v. Orlens 5614 ff.nachahmt (Schwietering, Demutsformel S.55.771).