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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 22. Artussage und Artusroman 139

damit waren ihm jetzt in dieser Umwelt Ritterehre und Minne als idealeRichtlinien gegeben. 1

Eine Fülle neuen Stoffes eröffnete sich der mittelalterlichen Erzählungs-literatur durch Aufnahme des bretonischen Sagenkreises vom König Artus.Die franz. Epiker, vor allem Chrestien de Troyes, schufen aus den bretonischenMärchen- und Abenteuergeschichten ein ideales Abbild der ritterlichenGesellschaft. Die franz. Nationalepen waren Lebensbilder eines zurück-liegenden Heldengeistes, in der Aeneas- und Trojanersage konnte das antikeElement doch nicht restlos in die moderne Welt übertragen werden, in denbretonischen Artuserzählungen aber hat die höfische Ritterdichtung einenihrem Kulturgehalt völlig anpassungsfähigen Stoff ergriffen, mit dem sie freischalten konnte. Der Hof des britischen Königs wurde zum Muster edlerSitte für die adligen Herren und Damen. Artus selbst lehrt durch sein Beispieldie wahrhaft ritterliche Gesinnung, die nach Ruhm und Anerkennung strebtund Glück und Ehre erwirbt. Er hat bei seinen Zeiten sein Leben so herr-lich gestaltet, daß er damals die Krone der Ehren trug, die sein Name heutenoch' trägt (s. unten Iwein).

Die höfischen Romane sind nicht nur bloßes Spiel der Phantasie zur Unter-haltung einer verfeinerten Gesellschaft, es sind Idealbilder, in denen ihreTräume von einer höheren, über die harte Notwendigkeit hinausgehendenDaseinsform verkörpert sind, eine aristokratische Wunschwelt. Diese Dichtungist getragen von den Theorien und Wertmaßen, die die höfische Welt überihre wichtigsten Probleme, über das Verhältnis im Liebesleben und überdas vollendete Rittertum sich gebildet hatte. Sie stellt einen höherenMenschentypus auf, den wertbestimmten Ritter, der seine Standesehre alseine Verpflichtung zu sittlichen Taten im Dienste der Nächstenliebe auffaßt,getreu dem Schwerteid, die Bedrängten und Frauen zu schützen und fürdas gekränkte Recht einzutreten. 2 Und über die Standesgesetze der Aristokratiehinaus erheben sich diese Lebensbilder zu allgemein menschlichen Wahr-heiten: sie zeigen die Gefahren der Nachgiebigkeit gegen den Eigenwillen(Erec, Iwein), sie führen in die Abgründe des Herzens (Tristan), aber nurim Parzival, in der Gralsgeschichte reicht diese Welt in das Reich der tran-szendenten Ideen. Der Artushof stellt eine ästhetisch gerichtete Gesellschafts-ordnung dar (Artus . . . hat gelebet also schöne Iw. 8), deren Ziel, soeldeund ere, in irdischer Glückseligkeit und persönlichem Ruhm begrenzt bleibt.Diese Ethik ist wesentlich individuell und erstreckt sich auf die Erhöhungder einzelnen Persönlichkeit. Der artushöfisch gebildete Ritter wird zwartüchtig sein, seine Regentenpflichten zu erfüllen; aber die von ihnen wirk-lich geleisteten Taten haben wenig von dieser sozialen Weite. Sie kämpfennicht für den Glauben wie die Gottesstreiter des Rolandsliedes oder für das

1 Die ethischen Anschauungen der höf. Kul-tur s. oben Einl.

2 Der Ritter alsVernichter der Unholde",der Riesen, Drachen usw. ist einHeilbringer"

wie Herakles, Perseus, Theseus: Scherer, LG.S. 158; Naumann, Primit. Gemeinschaftskult.S. 81 ff.