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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

unverbrüchliche Schicksalsgesetz der Treue wie die Helden des Nibelungen-liedes.

Die führenden Meister, Hartmann, Wolfram, Gotfrid, hatten eine hohe Auf-fassung von der Aufgabe der Kunst: sie sollte auf Erweckung leben-spendender sittlicher Werte gerichtet sein. Die Helden und Heldinnen derRomane sollen erzieherische Muster für adlige Jünglinge und Jungfrauensein und Thomasin empfiehlt im Wälschen Gast den juncherren als Vor-bilder Gäwein, Cltes, Erec, Iwein; volgt Artus dem künege her, der seitiu vorvil guote ler; vgl. auch Renner 122144, auch 1618399. Die Kunstsoll das Beste leisten, was ein Mensch dem andern geben kann, sie sollleidbedrückte Herzen trösten: sie soll schwere Stunden erleichtern (Hartm.A. Heinr. 10 f.), sie soll die Schwermut sehnsuchtsvoll Liebender besänftigen(Gotfr. Trist. 71 ff.).

In einem Artusroman spielen mögliche und unmögliche Geschehnisse durch-einander. Soweit die Aufrollung wirklichkeitsgemäß gehalten ist, gibt der ein-zelne Roman ein soziales Kulturbild, die andern, die überwirklichen Teile,sind reine Idealbilder, die aber als symbolische Deutbarkeiten den Geist deshöfischen Rittertums kennzeichnen. 1 Aber immer wird nur ein Ausschnittaus dem mittelalterlichen Leben geboten, da jene Aristokratie nur für dieHöhen der Gesellschaft Teilnahme hatte. Nur nebenbei treten Leute aus demVolke auf, etwa als Zwischenglieder der Handlung oder zur Ausmalung undBelebung einer Szene.

Die Artusromane sind meistens nach einem bestimmten Schema gebaut.Den Kern bildet eine einfache Fabel (im Parz. durchschlingen sich drei ver-schiedene Sagenkreise), ursprünglich ein Märchenmotiv, die durch eine Füllevon Nebenzügen erweitert ist. 2 Im Mittelpunkt steht der Held, der durcheine tapfere Tat ein Weib erringt (Minne) und eine Reihe von Abenteuernerlebt (Ehre). Die erweiternden Züge nehmen den größten Teil in Anspruch.Es sind einerseits heroische Partien: Kampfabenteuer; 3 andernteils höfischePartien: Feste, Empfänge, Turniere, Prunk und Glanz an Artus' Hof. Dieeinzelnen Bestände sind episodenhaft meist ohne notwendigen Zusammen-hang aneinandergereiht oder ineinandergeschachtelt und könnten beliebigvermehrt oder vermindert werden. Kräftig ist die Katastrophe herausgearbeitetdurch ein plötzlich eintretendes, unerwartetes Ereignis. Der Schluß bringteine günstige Lösung: der Held und seine Frau leben glücklich in derRegierung ihres Reiches.

Die Charakterisierungskunst ist noch nicht reif entwickelt. Die Viel-

1 Ueberträgt man die dichterische Symbolikzurück in die Wirklichkeit, so entsprechen denAbenteuerzügen des Romans die Turniere u.Ritterfahrten u. dem ritterlichen Sport, dieKämpfe für die von übermächtigen Feindenbelagerten Damen und von Riesen mißhan-delten Herren sind die poetisch verkörpertenRitterpflichten. Ulrich v. Liechtenstein hat in

seiner Artus- u. Venusreise die Romanphan-tastik tatsächlich in Wirklichkeit umgesetzt.

2 HEiNZEL.Kl.Schr. S.73ff.90ff.93ff.;SARAN,Beitr. 21, 290 ff.; Sparnaay, Compositietech-niek v. d. hoofschen roman, Groningen 1924.

3 Die Kampfabenteuer bilden für sich be-trachtet einen ritterlichen Abenteuer-roman.