§ 21. Moriz von Craon 131
ist in dem Ritter von Craon der vollendete höfische Herr gezeichnet,der die ere im Rittertum und zugleich in der Minne sucht. — Außerdem Mut ist noch eine Herrentugend besonders hervorgehoben, dieFreigebigkeit, mute, hauptsächlich gegen Spielleute und Volk. 1 Endlichaber die notwendige Voraussetzung zum Erfolg im Rittertum und in derMinne, also zur Erwerbung der Ehre, ist die Arbeit, nur durch Anstren-gung, sei es im Ritter- oder im Minnedienst, kann man ire erlangen 85—91. 387—92.»
Bei der ausgeprägt lehrhaften Tendenz des Gedichtes ist dieses moralischeSystem sehr durchsichtig. Die sittliche Idee in der Geschichte des HerrnMoritz von Craon ist ein Kontrastfall dazu: stäte Minne wird — statt gut —schlecht belohnt. Sie ist in die Form der Ironie gekleidet, denn im Grundeist die ursprüngliche Anlage — der geprellte Ehemann und der Liebhaber,der sich als Gespenst in das Schlafgemach der Ehegatten einschleicht —ganz im Stil und in der Situation eines komischen Liebesabenteuers, eineserotischen Schwankes, wie ein Fableau, entworfen.
Ironie, Spott, Humor brechen im Gedicht an vielen Stellen hervor, schondas die Katastrophe bedingende Moment, der liebeheischende Verehrer, dereinschläft, als er am Ziel seiner Wünsche anlangt, 3 ist ein Lustspielmotiv:nu. liget er als ein tötez schäf, im ist lieber danne min ein släf 1277 f.höhnt die Gräfin, als sie ihren stceten Liebhaber in sanftem Schlummer über-rascht. Eine komische Figur spielt der feige Graf 905—20. 1198—1212.1634 f.; humoristisch aufgefaßt ist die Erscheinung des Gespenstes 1530—80,das seltsame Landschiff 692—94. 762. 771 f. 882—90. 926; ironisch dieBehandlung des Ritters durch die Gräfin 535—58. Das Gedicht nähertsich also in dieser Hinsicht der erotisch-komischen Verserzählung und ist,soweit dieses Element in Betracht kommt, ein Vorläufer der späteren mhd.Schwankliteratur.
Aber der Scherz wird zu bitterem Ernst: auf den Schwank vom genas-führten Ehemann folgt die Klage der verlassenen Frau. 4 Die stolze Frau,die einst in unweiblichem zorn (1314. 1410. 1422. 1455. 1486. 1535. 1608)die Minne des gefeierten Helden verschmähte, verzehrt sich in einsamerTrauer um die Liebe dessen, dem sie die Tür gewiesen. Nach schlafloserNacht steht sie am Fenster des Burgerkers und sendet sehnsuchtsvolleLiebesklagen in den lachenden Frühlingsmorgen und in das Lied derNachtigall. Sie ist ein warnendes Beispiel für solche, die stcete Minne pflegenwollen 1772—76. Sie hat die Pflicht verletzt, treuen Dienst zu lohnen. DerSchluß dieses psychologischen Kampfes zwischen Eigenwille (1345—62.
1 275—77. 785-800. 816—21. 1026-31.1036—57. 1061—81. Sparen 330 bedeutet imallg. Opfer bringen, großzügig sein; noblesseoblige.
2 Vgl. Ulr. v. Liechtensteins Frauendienst457, 15—20.
3 Rosenhagen S. 806, Eilh.s Tristr. 6672 ff.,Ulr. v. Türh. 537, 15 ff; s. auch Panzer, Sig-frid S. 140; Thurneysen, Sagen aus IrlandS.79f.
4 Zum Motiv von der verlassenen Geliebtenvgl. bes. MF. 4,1. 8, 33. 37, 4.