§ 21. Moriz von Craon 129
Schluß mit dem Ausblick auf das verfehlte Leben der Gräfin weg. Aber dieinhaltliche Beziehung zu einem französischen Fableau weist den Weg zurliteraturgeschichtlichen Bestimmung des deutschen Gedichtes: ein Fableau istbenutzt worden, um ein Ideal der höfischen Gesellschaft zu verkörpern, ohnedaß, wie in den Artusepen, die novellenhafte Kürze zu einem großen Romanerweitert wurde. 1
Wenn nun auch nicht unmittelbar ein Vergleich zwischen dem deutschenGedicht und seinem franz. Original angestellt werden kann und damit einexaktes, auf Einzelanalyse fußendes Urteil über die Selbständigkeit des deut-schen Dichters dahin steht, so können doch die Grundsätze seiner Arbeits-weise, bes. im Prolog, einigermaßen erschlossen werden. Ein Versuch dazumöge hier folgen:
Die im Verhältnis zur Erzählung überlange historische Einleitung (Prolog) steht in keinemnotwendigen Zusammenhang mit dem Stoff der Novelle. Sie ist in ihren Grundzügen derfranz. Quelle entnommen, aber von dem dt. Dichter bedeutend erweitert. Den Gedankender in der Aufeinanderfolge der drei Nationen sich abstufenden Kulturentwicklung hatChrestien v. Troyes in etwa einem Dutzend Verse am Anfang seines Cliges 2 schematisiert:zuerst hatte Griechenland den Ruhm im Ritterwesen und in der Wissenschaft (chevalerieund clergie), beide kamen dann nach Rom, darauf nach Frankreich. Aus Chrestien bezogder Verfasser der franz. Quelle das Thema und erfüllte es mit geschichtlichem Inhalt durchHervorhebung der die Entwicklung der Ritterschaft führenden Persönlichkeiten. Dieser ge-schichtliche Prolog 3 mochte in dem franz. Gedicht auf etwa 30 Verse zusammengedrängtgewesen sein. Stellt man die den Inhalt bildenden, also wesentlichen Punkte zusammenso erhält man eine planmäßige Disposition. Der franz. Prolog würde demnach die Ge-schichte des Rittertums enthalten haben, orientiert nach den Namen der betr. Helden. 4Die Erweiterungen des deutschen Dichters bestehen in inhaltsleeren Längungen, wie dieallgemeinen Behauptungen über den troj. Krieg, mit denen er sich über seine Unkenntnishinwegsetzt 33—36. 71—76; in Moralisatio'nen über die Ehre der Ritter 77 ff. und in dendrei den Rahmen sprengenden Anekdoten über Nero 143—220, die er aus der Kaiserchron.4083 ff. 5 entlehnt hat. Sein Eigentum ist auch die Zitierung des Pandarus und Eneas 50—53. 6Es ergibt sich aus dieser Vergleichung, daß der dt. Übersetzer den sachlichen Inhaltseiner Vorlage beibehalten hat. Also werden auch die Grundzüge der Erzählung schonim franz. Original enthalten gewesen sein; auch die Ritterfahrt mit dem Landschiff und dieNachgeschichte mit der Reue der Gräfin, die zwar für den Grundbestand der Fabel ent-behrlich sind. Von vornherein darf man annehmen, daß im franz. Original der novellisti-
Frau mit sich. Im Fableau ist die Sage ihresprimitiven Gespenstercharakters entledigt, dieNovelle dann hat den Stoff höfisch umstili-siert: der ursprüngl. Gatte wird zum Lieb-haber (Mor. v. Cr.), dieser wird nicht selbstgetötet, sondern ein anderer, der sonst keineRolle spielt. Der Gatte ist also in zwei Per-sonen gespalten, in Mor. v. Cr. u. den imTurnier Getöteten, aber beide fallen am Schlußbei der Schlafzimmerszene wieder in die ur-sprüngl. Einheit zusammen.
1 Schwietering, Festschr. aaO.
2 ed. W. Förster, Roman. Bibl. I (1888)V. 30—44; Martin, ZfdA. 36,203 f.; Singer,ZfromPhil. 33, 733. — Eine histor. Einleitungmit dem Gegensatz Athen u. clergie, Rom u.chevalerie hat der franz. Roman von Athis (s.
Deutsche Literaturgeschichte III 9
oben) V. 191 f.
3 Durch diesen sind die Ereignisse des Ge-dichtes in den Zusammenhang der Welt-geschichte gebracht, Albr. v. Halberst. u. Ottehaben ihre Gedichte auf die Heilsidee be-zogen; vgl. Schröder, Kehr. S. 75.
* Dares37-40 ist entnommen aus Benott93—110,bes.l04—lO(ed.CoNSTANS); Schrö-der 1 S. XI—XIII.
5 Massmann, Kehr. 3,677 ff., bes. 689; Schrö-der, Kchr.S.156 Anm.l, vgl.S.75; Strauch,Enikel S. 449 Anm. 1; WiLMANNS S. 407.
6 Den Pandarus hat er aus Veld.s Eneide7097—228, nicht aus Benofts od HerbortsTrojanerkrieg, denn da ist Pand. nur neben-sächlicher Statist, der dem Verf. des M. v. Cr.sicherlich kein Interesse erweckt hat.