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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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125
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§ 20. MORANT UND GäLiE 125

Blickbildes steht der Kaiser. Er ist nicht der ehrfurchtgebietende, sagen-verehrte gerechte Herrscher des Rolandsliedes, kräftig und milde zugleich, 1es fehlt ihm jene Größe und Würde. Er ist unselbständig, der Lüge preis-gegeben in den Händen von Verleumdern, die seinen Argwohn geschicktzu schüren verstehen, dann ist er im Irrtum wegen seiner gekränkten Ehreunversöhnlich, dabei doch aber wieder starker Empfindung fähig (Klage umdie verlorene Liebe A 227, 36228, 4, C 82362). Bei diesem Schwankendes Charakters kann ihn der Dichter einmal Karle der gude (A 227, 36,C 823) nennen und später, da ihn sein ungerechter Haß verblendet, ver-wünschen Qot geve en leide!

Es liegt eine große Tragik in der Zertrümmerung des Glücks dreier Men-schen. Auch der Kaiser, nicht nur die schuldlosen Opfer, sind in diesesLeiden verkettet. Solche seelischen Spannungen zu erfassen besaß der Dichternicht die volle Kraft, er ist doch mehr nur der Darstellung des Novellen-haften und äußerer Drangsale gewachsen. Aber er wußte doch eine anmutendeWärme über das Verhältnis zwischen der Königin und dem getreuen Vasallenauszubreiten. Die Neigung äußert sich als ganz naive Freundschaft: beimAbschied ging sie auf Morant zu vor den Augen Karls und der Hofgesell-schaft und umfing ihn mit ihren Armen, denn sie war Morant hold mitreinem Herzen und Sinne ohne jede leichtfertige Minne. Sie dachte ankeinerlei Bosheit. Davon erhob sich für sie Schande ohne Schuld A 221,518, C 34457. Und beim Wiedersehen: Morants Worte gefielen Galtengar wohl und machten ihr Gemüt weich. Mit ihrer weißen Hand strich sieüber sein Haupt und Haar, von großer Liebe berührte sie ihm die Wangen,und sie selbst ruft in ihrer Herzensfreude den Kaiser herbei, seinen treuenHelden zu begrüßen, ohne die Verfänglichkeit der Situation zu bedenkenA236, 54237, 4, C 153351. Hier ist offene, rein menschliche Herzlich-keit, nichts von verheimlichtem Minnewesen.

Schon in der Sage gegeben ist die durchsichtige Gruppierung mit derScheidung der Treuen und Ungetreuen. Hier die treue Gattin, der ergebeneVasall, die Neffen, die sich als Bürgen stellen, dort die treulosen Verräter.Der Dichter selbst zieht die Moral aus der Bestrafung der drei meineidigenSchurken: Want untrüwe ind overmöt Nemet seiden ende göi A 285, 65f.,C 5061 f. 2 Es ist aber in diesem moralischen Gegensatz ein religiöser mit inbe-griffen, denn jene sind die frommen Christen, Rohart aber ist ein Teufels-bündler A274, 45-275, 6, C 426390. So ist das Gedicht zu gleicher Zeiteine Apologie des Christentums: es ist ein Glück für das Seelenheil Gallens,daß Karl sie dem Teufel entzog und zur Taufe veranlaßte A 227, 5462. 236,4653, C 84149.151320, Lachm. 475514, A 281, 4955, C 476975.Überhaupt ist Frömmigkeit die ethische Grundstimmung. Die liturgischenFormen werden beobachtet (Messe, Kirchgang, Eidschwur), die inneren Be-

1 LG. II, 1, 256. I die Untreue als alte Grundschuld hingestellt,

2 Auch der Kompilator hat in seinem Prolog j A 216, 29 ff., C 1 ff.