§ 20. MORANT UND GALiE 123
wirklichkeitsgetreuen Auftritten wechseln längere allgemeine Betrachtungenund auch kürzere Sentenzen. Hierin wie in manchen formelhaften Wendungen(Anreden an die Zuhörer, Versicherung sich kurz fassen zu wollen), auchin der häufigen Verwendung der kurzen Wechselrede ist ihm schon Gautiervorangegangen. Im Gefühlston und in den Leidenschaftsäußerungen ist derfranz. Dichter stärker, aber mit dem rascheren Vorschreiten der Handlungin der Novelle ist Ottes Vortrag oft auf längere Strecken hin straffer undbewegter. Voll-höfisch ist Ottes Redeweise nicht, zum Volkstümlichen neigter im Formelwesen, auch in einzelnen volksepischen oder kräftigeren Aus-drücken. Zuweilen wirft er humoristische Seitenblicke.
Metrik. 1 Die Reime sind dialektisch (Wetterauisch), der Versbau ist im all-gemeinen gleichmäßig, doch ist Überladung der Senkung (bes. im Auftakt)nicht selten.
§ 20. Morant und Gälte
Das Gedicht vom Ritter Morant und Karls des Großen Gemahlin Galieist die erste mittelhochdeutsche Bearbeitung einer Episode aus der Sage desgroßen Kaisers. Zugrunde liegt eine (verlorene) franz. Chanson de geste, also einnationales Epos aus der geschichtlichen Überlieferung des französischen Volkes.Danach ist auch die gesellschaftliche Kulturform nicht die höfische, die Hö-fischheit, courtoisie, sondern eine natürlichere, ungeschminktere, auch gröbere.In dieser Eigenart liegt aber auch der Reiz der Darstellung.
Das alte Gedicht von Morant und Gälte, um 1200 von einem mfrk. (nordripuarischen)Dichter, wahrscheinlich einem Spielmann, verfaßt, ist nur in Bruchstücken von zusammen578 z. T. verstümmelten Versen erhalten: M.Berlin, aus Meusebachs Bibliothek, 4 Perg.bl.13 Jh. Dieses ursprünglich selbständige Gedicht wurde später in die umfangreiche Kom-pilation Karlmeinet aufgenommen, eine Zusammenarbeitung einiger ursprüngl. ebenfallsselbständiger Karlsepen, die in der 1. Hälfte des 14. Jhs. im Mittelfränkischen (nördl.Ripuarien) entstanden ist. In der, ziemlich willkürlich abgefaßten, Hs. A des Karlmeinet(Darmstadt, Pap. 15. Jh.) steht das vollständige Gedicht auf BL 216a, 29—293b, 3. Einedritte Hs., C, befindet sich in Köln, Stadt. Archiv, Pap. Anf. 15. Jh. Auch C, 5592 V., gehtauf die große Kompilation Karlmeinet zurück, das selbständige Gedicht ist also nur durchM vertreten. AC weicht von M oft im Versbestand durch Zusätze oder Abstriche ab. 2
Die franz. Quelle, die Chanson de geste, ist verloren, 3 deshalb kann auch die Arbeits-weise des deutschen Übersetzers nicht beurteilt werden.
Inhalt. 4 Morant, einer der angesehensten Ritter im Reiche Karls d. Gr., wird von Rohart
1 GraefS.23— 31.63—69.
2 Ausg.: M, Lachmann, Abhandl. d. Akad.zu Berlin 1838, 159—90 u. Kl. Sehr. S.519—47 (V. 459—578 gehören in die große Lückenach 270), s. auch Lachmanns Ausg. v.Wolfr.v.Eschenb. S. XXXVI! ff. — A, Karl Meinet,hgb. v. Adelb. v. Keller, Lit.Ver. Nr. 45 (1858),dazu Bartsch, Ueb. Karlmeinet, Nürnberg1861. — C, erst bekannt gemacht durch denAbdruck von Erich Kalisch, Mor. u. Gal. nachd. Kölner Hs. hgb., Rhein. Beitr. 2, Bonn u.Leipz. 1821, dazu Schröder, Anz. 42, 80. —Paul Riebe, Ueb. d. verschiedenen Fassungend.Mainetsage, Greifsw. Diss. 1906. —Sprache:Lachmann S. 521 u. Wolfr. aaO.; Bartsch
S. 263-365. 387.
3 Das von Gaston Paris, Rom. 4, 305—37hgb. afrz. Bruchstück, 12. Jh., fällt in die JugendKarls u. hat mit unserm Gedicht nichts ge-mein. — Das deutsche Ged. beruft sich oftauf eine franz. Quelle: dat welsche (erg. buch),zweimal liet, einmal leicli, Bartsch S.27f.
4 Ueb. die Karlssage s. Bd. II, 3 StrickersKarl u. Karlmeinet; hier sei bes. angeführt:Grässe, Die großen Sagenkreise des MA.s,1842. S.262 ff.; Massmann, Kaiserchr.3, 970—1043; Voretzsch 1 S. 214—20; GastonParis, Histoire poetique de Charlemagne,Paris 1865; Plö Rajna, Le origini dell'epopeafrancese, Firenze 1884; Jos. Sedier, Les le-