122 Die erzählende Dichtung
ein besonderes Interesse zeigt er für Briefe (ein Brief schon im Teil Ia372_87. 458—88, G. 237—57. 269—86): 1338—68 (fehlt G. 1281—84).1744_1807 (G. 1952—78, die Anfertigung eines Briefes bei G. 4403—8).Dem höfischen Stil folgend bringt er gern Erweiterungen von Beiwerk:Schilderung von Kleidern 1927—60 (G. 2180 f.), Schwertleite 2388—405(G. 2904—11), dafür fehlt bei ihm nach 2387 die Ehrenlaufbahn des Er.,G. 2860—903; das Beilager 2405—22 ist ausführlicher als bei G. 2818—20,auch in 4000—58 kehrt Otte das sinnliche Moment hervor (gegen G. 4609—75). 1
Im II. Teil, der Legende 2 (Otte 4417—5392, G. 5139—6539), bewegt sichOtte noch freier, hier hat er sein eigenes historisches Musterbild, wie es ihmzum Teil Otto v. Freising und die Kaiserchronik boten. Die ganze Vorgeschichte,die Wiederfindung des Kreuzes durch Helena (G. 5148—244) tilgt er undbringt statt dessen einen chronikalischen Ausschnitt über die Gründung desoströmischen Kaisertums und die Wiedererneuerung des römischen Reichsdurch Karl d. Gr. mit einem Blick auf die Gegenwart (4466—70). Er kürztden Kampf mit Cosdroas, auch Reden schränkt er ein und die Anbetungdes Kreuzes 5158—61 (G. 5920—72). Ganz verschieden in Stimmung undGehalt ist der Schluß, 5189—392, gegen G. 6108—539: das franz. Gedichtbewahrt den frommen Legendenton bis zum Ende, Otte dagegen schließt,poetisch völlig abfallend aber gelehrt, als Chronist mit ein paar dürftigenhistorischen Notizen: vom hl. Märtyrer Anastasius, von Machmet dem Mehrerdes Unglaubens, von dem fränk. König Dagobert (Tagebreht) dem Mehrerdes Glaubens, von dem Irrlehrer Sergius, von dem mißglückten Krieg desEr. gegen die ismaelitischen Agarener. Dabei kam es ihm darauf an, diemenschlichen Gebrechen des frommen Kaisers stärker hervortreten zu lassen,indem er die Hoffart seines festlichen Einzugs in Jerusalem als gröze mlssetätbrandmarkt 5248 und ihn am Ende seines Lebens in die Sünde der Ketzereiverfallen läßt. 3
Am offensichtlichsten aber scheiden sich die beiden Dichter in ihrer Eigenartda, wo sie, jeder für sich, von der Tendenz ihres Werkes sprechen, im Prolog 4(1—140 bezw. Gaut. 1—122): Gautier leitet sein Gedicht ein mit einer Hul-digung für seinen Gönner 1—94, Otte das seine mit einem Gebet zu Gott1—75; dann legt jener einen kurzen Inhaltsbericht vor 95—122, dieser da-gegen seine wissenschaftlichen Grundsätze 76—140. So gibt sich Gautierals den Hofmann, Otte als den frommen Gelehrten. Darum hat jener auchdie ritterliche Laienmoral: Gott und der Welt zugleich dienen 131—36 (vgl.4638), während Otte nur „Gott Untertan sein" als Lebensideal aufstellt 193—97.
Otte ist ein guter Erzähler. Seine sprachliche Formulierung 5 ist lebendigund anschaulich, ohne Rhetorik schreibt er einen gemäßigten Stil. Mit
der trefflichste weltliche Herrscher kann in die
1 Vgl. Schröder, GgA. aaO.
2 Der Inhalt der Kreuzlegende Ottes hat mit•derjenigen in d. ndld. Ged. Seghelijn van Jhe-rusalem nichts zu tun, vgl.HEiNZEL.Wien.SB.126 Nr. 1; Schneider, Wolfdietr. S. 368 ff.
3 Eine echt hierarchische Wendung: auch
Bahnen eines rex injustus (LG. II, 1, Reg. S.351),geraten.
J Vgl. Schwietering S. 41 f.
6 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 242—50; GraefS.70—80; PREUSsaaO.