Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
121
Einzelbild herunterladen
 

§ 19. Otte, Eraclius 121

Der deutsche Dichter hat den franz. Text recht frei wiedergegeben, sowohlhinsichtlich des Wortlautes als der inhaltlichen Bestandteile. Dabei befolgteer für die einzelnen Abschnitte bestimmte Grundsätze, die sich aus der Be-schaffenheit des jeweiligen Stoffes ergaben. Die Kindheitslegende (Ia), dieschon im franz. Gedicht gedrängter angelegt war, hat er weiter ausgeführt(141852, Gaut. 122666). Stark hervor tritt eine geistliche und gelehrteTendenz: die Heilsgeschichte 14862 (fehlt bei Gaut. 95ff.); der religiöseCharakter der Eltern 16395 (G. nur 13136); Betrachtung über den Tod498521 (fehlt G. nach 287); Rede über das Seelenheil 55573 (G. 33542); Vergleich von Armut und Reichtum 61541 (statt dessen hat G. eine an-schauliche Schilderung des betr. einzelnen Falles freiwilliger Armut 34366);die Schule des Knaben Er. 396-426 (G. 26166); Chronikalisches 34266 (fehlt G. nach 236). Auch in die Novelle (Ib u. c) hat Otte sehrselbständig eingegriffen und hat sie beträchtlich gekürzt (8534416, G.6675138), zumeist in Nebenzügen und Auswüchsen ohne Preisgabe vonwichtigen Gliedern, besonders in Reden, Minnegesprächen und -monologen,Gefühlsgrübeleien, allgemeinen Betrachtungen; immerhin vermißt man auchmanches ungern. Er ändert die Stellung von Personen in der Ökonomiedes Zusammenspiels: der Truchseß (franz. Seneschall), den Gautier mit einemsympathischen Zug des Mitleids mit dem Geschick des Knaben Er. aus-gestattet hat, tritt mehr in den Hintergrund, er ist nur Vermittler der Hand-lung. Umgekehrt ist die Mutter des Parides, die im franz. Gedicht nur dieRolle einer Klagefrau hat (4017 ff.), zu einer Mitspielerin geworden (Otte3130257) in einem Veldeke nachgeahmten Minnedialog. Der Typus derKupplerin ist in der Person der Morphea trefflich charakterisiert, bei Gautierist das Ränkespiel indessen noch erfindungsreicher ausgesponnen, indemAthenais dem Parides durch die schlaue Vermittlerin einen in eine Pastetegewickelten Brief zukommen läßt (4400507), während sie bei Otte ihmbloß einen Ring als Zeichen ihrer Liebe sendet. 1 Dem Schluß der Liebes-verirrung gibt Otte eine andere ethische Färbung: offen und reuevoll be-kennt die Kaiserin ihre Schuld, wo Gautier für die schöne Sünderin in höfischerCourtoisie Partei ergreift, und während Gaut. die Ehescheidung damit endenläßt, daß ihr der Kaiser ein Landgut und 100 Mark jährliche Rente schenkt(5086 ff.), führen bei Otte die nunmehr dauernd vereinten Liebenden einentbehrungsvolles Leben; aber ihr war auf einem Bett von Stroh wohler alsin der kaiserlichen Herrlichkeit, denn sie liebten sich beide von Herzen4394407. Auch in Zusätzen läßt Otte seine eigene Persönlichkeit zurGeltung kommen: als ,gelerten man' zeigt er sich in der Aufzählung vonSteinen 970 ff. (G. 752), von Ländern 133843. 8084 (fehlt G. nach 1287);

GSA.2,529-47; Strauch, ZfdA.aaO. S.297;vgl. ob. Gothaer Hs. Die Kreuzlegende u.Eraclius außerdem in d. mhd. Lit.: im mfrk.Legendär (LG. II, 1, 151 f.); im Passional ed.Köpke S. 279,55 ff.; in d. Repgauischen Chron.ed. Massmann S. 22329: in d. Prosachron. d.

Päpste u. Kaiser der Münch. Hs.259 u. WienerHs. 2861 (um 1470); in Königshofens Chron.,s. Massmann S. 18793; Heinzel, Orendel,Wien. SB. 126 (1892), 51 ff.

1 Die Figur der Kupplerin ist griech.-oriental.Ursprungs, beliebt in frz. Fableaux.