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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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120 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG

Die beiden Grundbestandteile, Novelle und Legende, sind dadurch zueiner geistigen Einheit verschmolzen, daß die Stimmung der Frömmigkeit,die der letzteren eignet, auch in die weltliche Novelle übertragen ist: dieübermenschliche Weisheit ist dem Eraclius von Gott verliehen, auch alskaiserlicher Ratgeber hat er seine Dinge Gott anheimgestellt 995 ff., seineFrömmigkeit tritt hervor 1402 f. 2231 ff. 4348. 4372 u. ö. Auch Focas istfromm und führt in der Ehe mit Athenais ein gottgefälliges Leben 243247.Aber die Liebesgeschichte sticht in ihrer Weltsinnlichkeit zu sehr gegen dieEthik der Legende ab, wenn auch äußerlich ein frommer Ton gewahrt wird:selbst in der Heuchelei führt Athenais Gott im Munde 3909. 3936 f. (späterbei der Treubewährung 4288 1); auch des Parides fromme Aussprüchesind mehr nur formelhaft 3632 f. 3638. 4036. 4314, ebenso die der Mutterder Ath. 2241 f. (Wiederholung von 2232 ff.), der Hofdamen 3490, derKupplerin 3638.

Die der orientalischen Fabel ursprünglich angehörende Ehebruchsgeschichteist im mittelalterl. Roman dem höfischen Problem vom Wesen der Minneangepaßt und zu einem Beispiel für die Verwerflichkeit der huote (Behütungund Verwahrung der Frau zur Verhinderung eines Fehltritts) geworden, eswird eine Lehre daraus gezogen: wenn zwei sich wahrhaft lieben, so sollder Mann das Weib nicht in Gewahrsam halten 440816. Die tugendhafteFrau, die selbst der weise Eraclius fürheilig" hält 2267. 2300, gerät in denBann des unentrinnbaren Minnefatums und sie kann sich, wie sehr sie sichauch sträubt und Gott um klaren Sinn und Bekehrung zum Guten anfleht(295558), gegen den Schulddämon nicht wehren, sie muß das Unrechttun 297881. 385360. Die Minne ertötet in ihr die Gewissensskrupel,damit verfällt sie hemmungslos der missetät 386169. Aber menschlichgemildert wird der Fehltritt der Liebenden, die füreinander in den Todgehen wollen, durch ihre gegenseitige Treue 4231 ff. 4288 f. 431117.

Die Quelle für das deutsche Werk ist der Versroman Eracles vonGautier v. Arras (um 1165), 1 einem picardischen Dichter, der dem kunst-sinnigen Fürstenhause nahestand, in welchem die neue höfische Literaturihre stärkste Anregung fand: er widmete sein Gedicht dem Grafen Thibaut V.v. Blois, dem Gemahl der Alice, der Tochter der Eleonore v. Poitou (ausder Ehe mit Ludwig VII. von Frankreich), dazu der Schwester Alicens, Mariev. Champagne, und dem Grafen Balduin IV. v. Hennegau. Für den II. Teil,die Kreuzlegende, benutzte Otte außerdem die Chronik Ottos v. Freising(verfaßt zwischen 1143 u. 1146) und die Kaiserchronik. 2

1 Vgl. Gröber, Qrundr. S.525f.;VORETZscH 1S. 28891. Ausg.: Massmann aaO.;-seth, Oeuvres de Qaut. d'Arras I, Bibl. franc.du Moy. Äge, Paris 1890. G. Guth, DasVerhältnis von Otte's Eracl. zum afrz.Vorbild,Progr. Budweis 1908; Massmann S.580 ff.;Schröder, GgA. aaO.

2 Massmann, Ausg. S. 38790. 50927 u.

Kaiserchr. 3, 88593. Die Erzählung vonEracl. u. Focas sowie von Cosdroas goldenemTurm bringt, wohl ohne Kenntnis Ottes, späterauch Enikel in seiner Chronik 20411942.2195122182 (s. Strauchs Ausg.); e. kurzeNotiz üb. d. Kreuzgewinnung steht in Hein-richs v.MünchenWeltchronik, unter Benutzungvon Otte, Massmann S. 36978; v. d. Hagen,.