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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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119
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§19. Otte, Eraclius 119

Ib und c, ist die Geschichte von den drei übernatürlichen Kenntnissen desKnaben Eraclius. Sie ist wahrscheinlich orientalischen Ursprungs, wandertevon Osten in die byzantinische Literatur und findet sich hier in der Er-zählung von Ptocholeon, dem aus einem reichen Mann zum Bettler ge-wordenen Weisen, die im Keime am Schluß auch die Ehebruchsgeschichteenthält. 1 Aber die in dem französischen und deutschen Gedicht den Weis-heitsproben (Ib) vorangehende Kindheitsgeschichte (Ia) ist nach dem Mustereiner Legende ausgeführt: ein heiliger Mann, von frommen Eltern abstam-mend, die Verkündigung seiner Geburt durch einen Engel, die Mutter einegottselige Matrone. Der II. Teil, die Wiedergewinnung des Kreuzes, ist durch-aus Legende, auf historischer Grundlage erbaut und wie ein mittelalterlicherKreuzzug dargestellt. Damit ist auch die Entstehungsgeschichte des Gesamt-stoffes klar: der Hauptteil der Novelle,'die Weisheitswunder und der Ehe-bruch (Ib und c), stammt aus der byzantinischen Erzählung, der Eingangdazu, die Kindheit (Ia) ist von dem Dichter der französischen Quelle, Gautierv. Arras, nach Legendenmuster hinzu verfaßt; die Kreuzlegende (II) ist einStück Kirchengeschichte.

Diese novellistischen und legendarischen Elemente sind zu einem größten-teils fabelhaften, biographischen Roman des byzantinischen Kaisers Eraclius 2verschmolzen. In der Einleitung, V. 76123, skizziert Otte selbst den Plandes Werkes: er erzählt die vielfachen Wunder, die Gott mit Eraclius unter-nahm, und die Wiedergewinnung des heiligen Kreuzes. Diese Großtat in derGeschichte des Christentums bildet den eigentlichen Zweck der Erzählung76 ff. 342 ff. 4423 ff.), die Jugendgeschichte ist nur eine Vorbereitung fürden Lebensgang des Helden der Kreuzzugslegende. In Wirklichkeit freilichist das Hauptinteresse und der größte Teil des Gedichtes jenenWundern"zugewendet. Aber eben damit, daß die Wunder und übernatürlichen Kräftedes Eraclius doch Wahrheiten sind (108. 119), obschon sie der Lüge gleichen(111), und als Gnadenverleihungen Gottes aufgefaßt werden, ist der Inhalt inmittelalterl. Sinn nicht bloße Erfindung (fictio), sondern Legende, also Ge-schichte (res gesta) und eine Offenbarung der göttlichen Weltregierung.

1 Aelteste Redaktion a. 384 n. Chr. Aus demByzantin. ist die Sage in das Russische, Tür-kische u.Vulgärgriech. übergegangen: Krum-bacher, Gesch. d. byzant. Litt. 2 S. 80709;Rohde, Der griech. Roman 2 S. 154 ff.; Wes-selofsky, Arch.f. slav.Philol.3 (1879), 56187. Die Anklänge an die Geschichte der KaiserinAthenais, vermählt mit Theodosius II. a. 421 bisca. 444, Massmann (S.14462.455-68), sindnur gering (zur Osterchron. vgl. KrumbacherS. 33739 u. Reg. S. 1181). In der Anlageträgt die Erzählung von den wunderbarenWeisheitstaten des Eracl. den Charakter einesGlückskind- oder Dümmlingsmärchens (s. unt.Wolfr.): ein junger Mensch dürftigen Standes,aber hoher Geburt macht durch märchenhafteLeistungen sein Glück; dabei die dreifache

Wiederholung der Motive: die drei Proben,drei Wettläufe des Pferdes, drei Kräfte desSteins; gerade die scheinbar geringsten Dingeerkennt er als die vorzüglichsten.2 Phokas, im dt. Ged. Focas (im frz. Lais),regierte von 60210, Herakleios von 610 41,der Einfall der Perser ins oström. Reich begann611, 614 wurde das hl. Kreuz weggeschleppt,62228 dauerte der Krieg gegen die Perser,der ganz den Charakter eines Kreuzzugs hatte,629 kam das Kreuz wieder nach Jerusalem zu-rück (am 14. Sept., Fest der Kreuzeserhöhung,vgl. 5278-82). Vgl. H. Gelzer bei Krum-bacher S. 946 ff.; Gerh. v. Zezschwitz, Dasmittelalterl. Drama vom Ende des röm. Kaiser-tums, wohlf.Ausg. 1877, S.47ff., bes. S. 57 f.u. Anm.; Schröder, Kehr. S. 85.285 Anm.l.