118
Die erzählende Dichtung
er würde sich sonst nicht bloß einen gelehrten „Mann" genannt haben. Erwar vertraut mit der Ausdrucksweise des höfischen Epos, ohne daß indesvorkommende Parallelen zu Hartmann und Wolfram auf unmittelbarer Her-übernahme zu beruhen brauchen, nur die Übereinstimmungen mit VeldekesEneide sind unzweifelhaft direkte Entlehnungen; 1 auch hat er die Kaiser-chronik und die lateinische Weltchronik Ottos v. Freising gekannt. Zu Hausewar Otte im rheinfränkischen Sprachgebiet, in engerem Begriff etwa derWetterau oder des westlichsten Thüringen. 2 Um 1205—10 wird der Eracliusverfaßt worden sein. 8
Inhalt. A. Einleitung 1—140: Gebet zu Gott 1—75; Inhaltsangabe 76—107; Empfeh-lung des Werkes, Bitte an die .guten' Dichter um Beistand, Person des Verfassers 108—140. — B. Hauptteil 141—5392. I. Die Novelle 141—4416. a) Er.s Kindheit 141—852.Seine Eltern, adligen Geschlechts in Rom, sind 7 Jahre kinderlos; Verkündigung seinerGeburt durch einen Engel 223; ein Himmelsbrief prophezeit, er werde von Gott die Weis-heit erhalten, die Natur der Steine, Pferde und Frauen zu erkennen 367; der Vater stirbt,die Mutter gibt ihre Habe mit Einverständnis Er.s den Armen 499; Er. bietet sich auf demMarkt als Sklave feil. Der Truchseß kauft ihn 655. — b) Er. am Hofe des Kaisers vonRom, Focas 853—2488. Die Erprobung der drei Kenntnisse, durch deren Bestehung erzu hohen Ehren gelangt: 1. die Steinprobe 894, 2. die Pferdeprobe 1327, 3. die Frauen-probe 1687 (unter einer Fülle von Steinen, Pferden, Frauen erkennt und wählt er zurÜberraschung des Hofes die unscheinbarsten als beste aus); die von Er. empfohlene Jung-frau Athenais nimmt der Kaiser zur Frau 2328. — c)2489—4416 die Liebesgeschichte,Athenais und Parides. Der Kaiser zieht mit Er. in Krieg, trotz Abratens des Er. gibt erseine Frau in die ,huote', damit ihre Ehre bewahrt bleibe: sie wird in einem Turm vomVerkehr mit der Außenwelt abgesperrt; bei einem Fest erblickt sie den schönen Parides,beide werden von plötzlicher Minnesucht ergriffen 2809; die Kupplerin Morphea vermittelteine Zusammenkunft 3130; der Kaiser kommt nach Rom zurück, Er. durchschaut die Un-treue der Ath., der Kaiser will sie hinrichten lassen, schenkt ihr aber, auf Vorstellung desEr. von seinem eigenen Unrecht überzeugt, das Leben und überläßt sie dem Parides 4097. —II. Die Legende von der Wiedergewinnung des heil. Kreuzes 4417 bis zum Schluß 5392.Er. wird Kaiser als Nachfolger des Focas mit dem Sitz in Byzanz. Cosdroas (Chosroe,Chosrau), der König von Persien, hatte Christi Kreuz aus Jerusalem in sein Land entführt.Er. gebietet einen Kreuzzug gegen ihn (Kreuzrede 4756—76). Die Heiden dringen bis zurDonau vor, dort fordert Er. den Sohn des Cosdroas zum Zweikampf heraus und tötetihn. Er zieht nach Persien und bringt das Kreuz nach Jerusalem zurück. Mit Prunk willer in Jerusalem einziehen, aber das Tor, durch welches Christus auf einem Esel einritt,verschließt sich seiner Hoffart und öffnet sich erst, als er sich reuig in ein Büßergewand hüllt.Als er alt geworden, gerät er in Ketzerei, die Wassersucht befällt ihn, er tut Buße und stirbt.
Ursprung und Aufbau des Stoffes. 4 Der Grundbestand des I.Teiles,
1 W.Grimm, Kl.Sehr.3, 249; BEHAGHEL.En.S.CC1II— V; GRAEFS.32ff.; Herzfeld S.31 ff.;Schröder, GgA.aaO.; Preuss, Stilist. Unter-such, üb. Gotfr. v. Straßbg. S. 12 -14. — OttesEraclius u. Beziehungen zu anderen Dich-tungen: Graef S.32ff.; Schröder, GgA. 1884,569.
2 Seine Sprache ist jedenfalls md., aber nichtmfrk. od. ostfrk. od. thüring., bleibt also nurdas Rheinfränk. übrig, vgl. Lachmann, zumIwein 4928; Schröder, Behaghel, StrauchaaO.; Graef S. 23 ff.; Herzfeld S. 19 ff.;
Zwierzina, ZfdA. 44, Reg. S. 353. 45, Reg.S.348; Schröder, Gott. Nachr. 1918, 419;Schirokauer, Beitr. 47,16. 33.
3 W. Grimm S. 250; Graef, Herzfeld,Preuss aaO.; Schröder, GgA. aaO.u.Münch.SB. S. 14; Steinmeyer, Anz. aaO. — Parz. 773,22 erwähnt Wolfram den Eraclius ode Ercules,bei der Abfassung dieses XV. Buches hat alsoWolfr. Ottes Ged. gekannt (Graef S.39L).
4 Massmann S. 453—527; Sparnaay, Ver-schmelzung S. 8 f.