§ 19. Otte, Eraclius 117
sibi amicum lucratus fuerit? Petr. Alf., Hilka u. Söderhj. S. 4.15). Die Treu-leistungen bestehen in dem Opfer wertvollster Güter, der Frau, des Lebens.Der die Frau preisgibt, ist in einen Seelenkampf verwickelt, in einen Wider-streit der Pflichten gegen den Freund oder gegen die Frau. In jedem Fallbegeht er eine Rechtsverletzung und die Folge ist die Strafe nach demWalten der sittlichen Gerechtigkeit. Wegen des Betruges an seiner Gemahlinwird Athis aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen. Die Fabelist zu einer Schicksalstragödie geworden. Der unfreiwillige Veranlasser dertragischen Schuldverwicklung ist der andere Freund, Prophilias. Die Machtdes Liebes- und Lebenstriebs bezwingt ihn, des Athis moralisches Opferanzunehmen. Damit hat er dessen Schuld verschuldet. Er sühnt, indem erdas ihm vom Freund geschenkte Leben wieder für diesen hingibt. So vielTreue der beiden Freunde tilgt aber auch beider Schuld. Minne, blinderLebenstrieb schaltet den vernünftigen Willen aus, die Lebensentsagung stelltdie sittliche Persönlichkeit wieder her.
§ 19. Otte, Eraclius
Ausg.: H. F. Massmann, Bibl. d. ges. dt. National-Lit. Bd. 6, 1842; Harald Graef, QF. 50(1883), dazu Bech, Lbl. 1884,131—33, Lichtenstein, DLz. 1883,1288—90, Schröder, QgA.1884,563—74.— Piper, Geistl. Dicht. 2,67—69; Steinmeyer, Allg. dt. Biogr. 24, 559; GeorgHerzfeld, Zu Otte's Er., Heidelbg. Diss. 1884, dazu Behaghel, Lbl. 1885, 184, Schröder,DLz. 1884 Sp.1872, Steinmeyer, Anz. 12,103; Schröder, Der Dichter des deutsch. .Eraclius',Münch. SB. 1924, 3. Abh. Zur Kritik: Haupt, ZfdA. 3, 158-82; Strauch, ebda 31, 297—337; Schröder, Anz. 42, 90.
Hss.: 1 A, Wien 2693, Perg. 14. Jh., Hs. W. der Kaiserchron. jung. Text. 2 Ottes Er. ist ein-geschaltet an Stelle der V. 11138—351 der Kehr. Der Prol. Er. 1—140 fehlt. Die Spracheist ein nicht stark ausgeprägtes Bair. — B, München 3 CgM. 57, Perg. 13/14. Jh., enthältMai u. Beaflor, Veld.s Eneide (Hs. M), Ottes Er. Der Text bricht mit 4964 ab. Dial. bair.-österr. A ist im allgem. zuverlässiger als B. — G, Gothaer Hs. der Weltchron. Heinrichsv.München, 4 15. Jh., schiebt ebenfalls Ottes Ged. bei der Lebensgeschichte des Kais. Eracliusein (ohne Prolog). Dial. bair. Der Text ist sehr entstellt. 5
Die kurze Selbsteinführung des Dichters Prolog 136—40 besagt, daß er,ein gelerter man' war, der Otte hieß und die Erzählung in einem wälschen(also franz.) Buch gelesen habe. Er hat demnach geistliche Bildung ge-nossen, 6 war aber nicht Geistlicher von Beruf, sondern wohl ein in Hof-diensten, in einer fürstlichen Kanzlei stehender Literatus, Clerc oder Notar; 7
1 Massmann S. 359—61; Graef S. 1—22;Herzfeld S. 3—18; Schröder, Steinmeyer,Strauch aaO.
2 Schröder, Kehr. S.20.
3 Petzet S. 94—96; Behaghel, Eneide S.IX.
4 Strauch aaO.
6 In der Dorf kirche zu Fraurombach in Ober-hessen befinden sich Wandgemälde aus OttesEraclius von ca. 1330—40; Rud. Kautzsch,Stud. z. Kunst u. Gesch., Fr. Schneider gewid-met, S. 509, u. Kunstwissenschaft!. Beirr., Aug.Schmarsowgew., S.92f.; Schröder, Münch.SB. S.17f.
6 Den Bildungsgang seines Helden, die Schul-
zeit entwirft er 396—426 vielleicht aus eigenerErinnerung; die franz. Vorlage geht 260—66nicht so ausführlich auf die Schuljahre des Er.ein.7 Lichtenstein aaO.; Graef S. 81—83 ;Schröder, GgA. aaO. u. Münch. SB. aaO.(bairische Mundartwörter sprechen dafür, daßOtte sich an einem bair. Hofe aufgehalten hat,vielleicht bei Herzog Ludwig 1. in Landshut);Schwietering S. 41 f — Ausfälle gegen dieHofbeamten u. Diener (vgl. LG. II, 1, 320.333.344) Eracl. 1220 ff., auch schon in d. franz.Quelle 1498 ff. 1704 f.