116 Die erzählende Dichtung
der mhd. Dichtersprache. Sehr wirksame Antithesen dienen zur Hochstili-sierung des Glanzstückes F3ff. Anapher A 1. 4. 10. 14.
Der Satzbau ist einfach, durchsichtig, oft auf weitere Strecken hindurchparataktisch, längere Perioden sind selten. Von dem Aushilfsmittel der Paren-these wird öfter Gebrauch gemacht. Eine Liebhaberei hat der Dichter fürdas Enjambement.
Metrik. 1 Die Verse sind sorgfältig in alternierendem Rhythmus gebaut ;die Reime in md. Sinne ziemlich rein. Rührende Reime werden nicht ge-mieden. Zusammengesetzte Reime s. oben S. 91.
In der Einrichtung des Stoffes überwiegen die ruhenden Bestandteile. Zwarsind die leitenden Ereignisse lebendig erzählt, z. B. die abenteuerliche Fest-nahme des Athis und das Gericht A 96 ff., aber der novellistische Kern derSätze wird überwuchert von den erweiternden Zutaten der höfischen Roman-technik, das sind Vorgänge im Gemütsleben und Schilderungen des äußerlichGegenständlichen wie Heeresformierungen, Kämpfe, Feste, Sitten, Waffen,nach der eleganten Mode, nach den franzoysehen siten D 160, angefertigteKleider; die Wappenbeschreibungen sind Musterstücke der Heroldsdichtung.Die gesellschaftlichen Verkehrsformen sind ganz höfisch, keine grellen Klag-gebärden, keine rohen Kämpfe. Aber einige drastische Realismen kommendoch vor: Athis wird btme häre durch den phuol zum Gerichtsstuhl ge-zogen A 120; die Erde wird mit dem Blut der Gefallenen gedüngt C74f.;der Herzog wird im Kampf in eine Kotlache geworfen, daß ihm das Ant-litz in die Pfütze zu fallen kommt E 136—38.
Es liegt ein warmer Ton in dem Gedicht. Die Klage des Athis um seinjammervolles Geschick gewinnt eine Tiefe der Bedeutsamkeit durch eineweltschmerzliche Stimmung A 20 ff. In der Klage des Theseus um seinen zuTode getroffenen Sohn F 1 ff. erweitert sich das persönliche Leid zur bangenZukunftssorge um das allgemeine Geschick: zum Untergang bestimmt istdie herrliche Kultur der Ritterschaft. Nicht in exaltierten Schmerzensausbrüchenergeht sich der klagende Vater, aber seine einfachen Worte kommen austreuem Herzen: wäre die ganze Welt mein, ich würde sie um dich hingeben,wenn du gesund bliebest; der sterbende Sohn aber sorgt sich um die Ge-liebte: Vater und Mutter sollen ihr helfen, daß sie sich nicht zu sehr ab-härme. — Gerade die Dämpfung des Schmerzes verleiht auch dem Scheide-weh der Gayte eine tiefere Wahrheit: sie übersteigt sich nicht in maßlosenKlaggebärden, auf dem Antlitz der Weinenden malt sich die innere Erregungab: die Tränen waren gleich weißen Perlen, die die Rosen der Wangenrubinrot durchschimmerten. Geradezu das Porträt einer schmerzbewegtenFrau entwirft der Dichter an der Gebärde des Mundes, wobei er fast anKoketterie streift (A* 1—60).
Der sittliche Grundgedanke der Fabel ist die Freundestreue, sie wurdeals moralisches Beispiel aufgefaßt (Problem: Vidisti hominem, qui integrum
1 W. Grimm S. 238-41; Ders., KI. Sehr. 4, 330; Saran, Verslehre S.265.