§ 18. Athis und Prophilias 115
Die Hauptwirkung tun die außergewöhnlichen Reime, z. B. entnacten : bedacten A 7,kiesen : eine biesen A 43, lebenden : verebenden A 109, sitzen : mit werden vlizen A* 1,vgl. A* 5, steten : bereten A* 89, sichern : eine kichern (Erbse) B 7, vederen : iet-wederen B 33 (= D 143) und viele andere; besonders Fremdwörter und fremde Eigen-namen eignen sich zu Reimkünsten. Auffallend sind auch zusammengesetzte Reime:üffin : sluffin A 9, tödis : bröd is A 19, vanin : anin A** 10 = E 91, dienist: gesehen istC* 1, wazzir: virgazzir C* 143, muotir : tuotir F 43, muoz : tuoz F 129. Statt der Personwird oft, besonders im Reim, ein substantiviertes Adj gesetzt: der swinde A 78, diewaleveigen C60, ferner A* 137. B 76. 128. 166. C 22. Zur Stilisierung dienen ferner seltene,auch veraltete und heldenepische Wörter, wiederum häufig im Reim. 1
Einen auffallenden Gebrauch macht der Dichter vom Partizip Präs. 2 alsAttribut: mit windenden henden, mit herzeswerenden nöten A66, mitvroudegebendem tröste A*65, manigen smerzenden stich C49 usw.; substantiviert:Und volgeten der erstanden vart (der Fährte der Mörder) A 100, die woltuonden C 22; als Prädikatsnomen: so wirt daz volc mich stände und...erstände A85f.u.ö.;geschraubt: ein sutch dinc zugescende (±= daß ein solchesDing geschieht), daz ein maget, zu sende den tuten D 29—31, wo dasPartizip Präs. in md. Weise für den Inf. steht (vgl. A* 16); Ac. c. Inf. sie sähenungewegen den strtt wesen C 82 f. Der Verfasser besaß lateinische Sprach-schulung, darauf weisen einige der vorhergehenden Konstruktionen sowielateinische Flexionsendungen bei Personennamen entgegen dem französischenTexte: Julium : Gracium A* 101, franz. Jul'lens: Grac'iens 6567; Gracius, Gra-cium A**74. 80, franz.Grac'ien7523, vgl. B 167 f.; Dorilaus C 15, franz. Dorilas7749; Gracius: Julius C15, Florentinus, Anthonius, Latinus 17 f., franz. Flo-rentin 7780, Antonin 7779, Palatin 7785; endlich wohl auch Genitivstellungenwie rechtenhalfe des kuninges hers A* 115, des hers in beiden enden B 113,achte wisten Werkes D157, vor sines libes vorchte (Furcht für sein Leben) C 39.
Trotz seines ausgeprägten Formsinnes und der Absicht auf stilistische Wir-kung ist der Dichter doch nicht immer sorgfältig: formelhafte Verse, auchzur bloßen Ausfüllung, läßt er ohne weiteres zu, z. B. B 87 = C* 151, D 15.21. 88. 111. 126, E 94. 108 usw.; aus Reimbequemlichkeit nachgesetztesAttribut: die hande mine A 90, den. helet reinen A*45, rittet stolz A*86,ots isenvare A* 142 usw. Auffallend auch ist seine Gleichgültigkeit gegenWiederholung der nämlichen Wörter. Metaphern und Vergleiche gebrauchter mäßig, die absichtliche Häufung gleicher Wörter, ein sonst gern verwen-detes blümendes Kunstmittel, wendet er nicht an (nur etwa D 70 f.), die kurzeWechselrede des französischen Gedichts 16662 ff. ist E38ff. eingeschränkt.Zweigliedrige Formeln, wie er sie häufig bringt, gehören zum Gemeingutdichter diese Formensprache entnommen hat.
Aus seiner franz. Vorlage, falls diese eine an-dere als der Text des Alixandre war? aus derlat. Dichtung seiner Zeit? oder in Nachahmungirgendeines verlorenen deutschen Gedichtes?Vor ihm findet sie sich in der Legende vonPilatus (LG. II, 1, 158), in einigen Strophenvon Gutenburgs Leich und im Schlußgedichtvon Hartmanns Büchlein.1 Den Wortschatz hat W. Grimm S. 275 ff.
gesammelt. Auffallend groß ist darin die Zahlseltener Wörter, worunter auch mehrere sonstnicht belegt sind. Zu violinbrün s. LeitzmannaaO. S.253.2 Vgl. W. Grimm S. 296 u. Zur Gesch. d.Reims, Kl. Sehr. 4, 226; Borchling, Jüng.Ti-turel S.114 ff.; O. Mordhorst, Egenv.Bam-berg S. 116; Bech, Progr. d. Stiftgymn. zuZeitz 1882 u. ZfdWortforsch. 1, 81-109.