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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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114 DlE ERZÄHLENDE DICHTUNG

Der deutsche Athis weicht von dem französischen sehr ab, wörtlicheÜbereinstimmungen gar begegnen nur ganz wenige. 1 Darum ist es zweifel-haft, ob wirklich die uns erhaltene Fassung des französischen Gedichts demdeutschen Dichter als Quelle gedient hat; 2 er müßte sonst eine über dasgewöhnliche Maß weit hinausreichende Selbständigkeit entwickelt haben.Unter den dem deutschen Gedichte eigenen Motiven sind die nennens-wertesten die Klage des Athis A 20 ff., des Theseus F 1 ff., der Sarkophagmit Inschrift F 77 ff., der Karren mit dem Feldzeichen (vgl. karrosche C 93)A* 15368. Einige Schilderungen sind etwas stärker antikisiert: die Gerichts-sitzung vor den Consuln (das Wort fehlt im franz. Text) A 15056. 166 f.(franz. 2163 ff.); der Tempel als Heiligtum der Venus C* 1015 (das franz.Gedicht hat statt dessen mittelalterl. Trauungsgebräuche, 8741 ff); das Ball-spiel bei dem Hochzeitsfest C* 82100 wird als römischer Gebrauch hin-gestellt: dit spil was gehelzin bal in römischlr zungin (fehlt franz. vor 8741).

Der deutsche Dichter übertrifft den Verfasser des uns erhaltenen französischenan bewußt künstlerischen Grundsätzen. Er beherrscht den Stoff, jener läßtsich treiben; auch in Einzelheiten ist er öfters ausdrucksvoller. Im Ganzenscheint das deutsche Gedicht kürzer gewesen zu sein.

Eine außergewöhnliche Erscheinung in der zeitgenössischen deutschenLiteratur ist der Athis auf jeden Fall. Der Dichter besitzt eine seltene Sprach-gewandtheit. 3 Er ist ein Virtuos in der höheren Schreibart. Sein Stil istgeschmückt, geziert, er hat die Anmut Gotfrids v. Straßburg, nicht die pathe-tische, dunkle Schwere Wolframs. Aber er geht weit über Gotfrid hinaus.Er ist ein Meister der ,geblümten Rede'. Hier gilt die Künstlichkeit undUngewöhnlichkeit des Ausdrucks als formales Prinzip. Sie wird erreicht durchHäufung seltener Reime und seltener Wörter. Eine solche individuelle Kunst-sprache ist nur in einer Blütezeit formaler Technik möglich, sie setzt dieAusbildung der epischen Sprache durch die führenden höfischen Dichtervoraus, Hartmann, Wolfram, Gotfrid. 4 Aber eine unmittelbare stärkere Ein-wirkung von irgendeinem unter ihnen läßt sich nicht mit Sicherheit nach-weisen. Demnach wird der deutsche Athisroman nicht vor, eher nach 1215entstanden sein. 5 Der Dichter ist der erste Kolorist in deutscher Sprache,der ein ganzes größeres Werk in der geblümten Art verfaßt hat. 6

1 Rich. Mertz, Die deutschen Bruchstücke der, DLz. 1882, 571; Lichtenstein, Anz. 9,

30; Mertz S.64 ff.; die Parallelen sind nichtbeweiskräftig, Behaghel hat deshalb auchAthis in der Ausg. seiner Eneide S. CLXXXVI ff.nicht erwähnt. Zu der Erin holde C 72 vgl.Erec 9963 (W.Grimm S.286),zu wibelval B15:Herbort 6880, auch 12867; zu brünlüter inGotfr.s Tristan s. unten. (Für schwaches e vorKons, steht in d. Hs. meist /.)

5 Entstehungszeit bis 1214: W. Grimm S. 249.273, vgl. auch Lachmann, Parz. aaO.; früher:Leitzmann aaO.

6 Zu einer herrschenden Stilart ist die kolo-rierte Manier erst seit Rud. v. Ems geworden,es ist darum nicht ersichtlich, woher der Athis-

von Ath. u. Proph. in ihrem Verhältn. zumafrz. Roman, Straßbg. Diss. 1914, dazu Schrö-der, Anz. 38,170 f., Stengel, DLz. 1915,1288.

2 Vgl. Singer, Wolframs Stil S. 123. Viel-leicht hat d. deutsche Verf. auch noch andereQuellen benutzt. Neben dem franz. Vulgat-texte ist noch e. von diesem sehr verschiedene,um zwei Drittel kürzere Version in e. Hs. zuTours erhalten (abgedruckt von Hilka nebend.HaupttextBd.l, 1210), mit der d. deutscheGed. nichts zu tun hat.

3 Ueb. d. Stil: W.Grimm S.24150; Lach-mann, Iwein zu 4928 u. Parz. S. XXXV11I.

4 Ueb. etwaigen Einfluß Veldekes s. Schrö-