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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 18. Athis und Prophilias

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sprochen ist. Er erhält sie von ihren Angehörigen zur Frau. Kampf der Römer mit Bilas,der besiegt und gefangen wird. Vermählung des Ath. Der II. Teil ist eine unorganischeFortspinnung und bloß äußerliche Erweiterung durch Kämpfe und Liebesgeschichten: DieFreunde nehmen teil an den Kämpfen des Königs Theseus und seines Sohnes Pirithousgegen den König Thelamon von Korinth und dessen Enkel Ajaus.

Die Freundschaftssage» hat ihren Ursprung im Orient und ist dort in mehreren Variantenüberliefert. Im Abendland wurde sie verbreitet durch die vielgelesene Disciplina cleri-calis, 2 eine Sammlung moralischer Beispiele von dem 1106 getauften spanischen JudenPetrus Alfonsi. Der Schauplatz ist hier, der Herkunft der Sage entsprechend, der Orient,die Freunde sind Kaufleute, der eine ein Ägypter, der andere aus Bagdad. Das Liebes-opfer ist weniger widernatürlich, da der Freund das Mädchen erst zur Frau zu nehmen ,gedenkt und der Betrug wegfällt. Aus der Disciplina clericalis haben die Freundschafts-sage verschiedene andere Sammlungen moralisierenden und religiösen Inhalts aufgenommen,deren wichtigste lateinische die Gesta Romanorum (Kap. 171, hier sind die zwei Kaufleute zumorgenländischen Rittern geworden); im Deutschen der Seelen Trost 3 (2. Hälfte 14. Jh.s);Predigtsammlung des Dominikaners Johannes Herolt aus Basel (Sermones de tempore etde sanctis, 143540); 4 Steinhöwels Aesop (zwischen 1476 u. 1480). 5

Die orientalische Fabel wurde in das Altertum übertragen, der Schauplatz nach Griechen-land und Rom verlegt. 6 Ein französischer, nicht geistlich gelehrter Dichter Alixandre brachtem letzten Drittel des 12. Jh.s unter Benutzung des Romans de Thebes die Geschichte, dieihm auf mündlichem Wege bekannt geworden war, in ritterliches Kostüm nach der her-kömmlichen mittelalterl. Anschauungsweise (der afrz. Roman Athis et Prophilias, oder, nach 'dem Inhalt des II. Teiles, auch L'Estoire d'Athenes). 7 Der franz. Roman rief das deutschehöfische Epos und die Renaissancenovelle Boccaccios (Titus u. Gisippus, Dec. 10, 8, späterins Deutsche übertragen in Arigos Übersetzung des Decamerone (um 1470) hervor, dieHans Sachs 1546 und Martin Montanus um 1550 dramatisierten.

Durch andere Hauptmotive, Verbindung mit der Aussatzsage, unterscheidet sich von derDisciplina clericalis eine zweite Gruppe der Freundschaftssagen, die durch das franz.Gedicht von Amis und Amiles vertreten ist (s. LG.I1,3 Konrads v.Würzburg Engelhard).Mit dieser ist eine dritte Gruppe verwandt, die Jakobsbrüder (s. Kunz Kistener, Bd. II, 3).

Älter als die Disciplina clericalis ist das lat. Spielmannsgedicht von Landfrid und Cobbo: 8 'auch Landfrid tritt dem Cobbo seine Gemahlin ab, aber jener, den Schmerz des Freundesbemerkend, gibt sie ihm unberührt zurück. Die Beziehung dieser Fassung zu der in derDisciplina clericalis ist zweifelhaft.

1 W. Grimm S. 25074; Ders., ZfdA. 12,185203 u. Kl. Sehr. 3, 346-66; Valent.Schmidt, Beitr. z. Gesch. d. romant. Poesie,1818, u. Ausg. d. Disc. der., bes. S.93 ff.,MSD. II 3 , 121 ff.; Oesterley, Gesta Roma-norum, Berl. 1872, S.740; Landau, Die Quel-len d. Decameron 2 , 1884, S. 264 ff.; Bolte-PoUvka 1, 56. 554 ff. 2, 204 (Nr. 85). SieheKonrad v. Würzburg, Engelhard, LG. II, 3.

2 Ausg.: Val. Schmidt, Berl. 1827; Hilkau. SÖDERHJELM, Acta soc. Fennicae Bd. 38Nr. 3, Helsingf. 1911 (die FreundschaftssageBd. 38 S. 46. 58), davon Kleine Ausg. in derSammlung mlat. Texte, hgb. v. Alf. Hilka 1,Heidelbg. 1911 (die Sage S.46). Siehe auchA. Tanner, Die Sage von Guy v. Warwick,Heidelbg. Diss. 1879; Paulus Mau, Gydou.Thyrus, Jen. Diss. 1909; Günther Müller,Dt. Vierteljahrsschr. 1,76 ff.

3 Pfeiffer in Frommanns Mundarten Bd. 1u. 2, Nürnbg. 1853 f.

4 Cruel, Gesch. d. dt. Predigt im MA., Det-

Deutsche Literaturgeschichte III 8

moldl879, S.48086.6 Zu d. franz. Uebersetzungen der Disc.cler.s. Gröbers Grdr. S.604 f. u. Reg. S. 1276;Voretzsch ' S. 420 f.; Hilka u. Söderhjelm,Acta soc. Fennicae Bd. 38 Nr. 5. Eine isländ.Uebersetzung einer Anzahl von Novellen derDisc. cler.: Hugo Gering, Islendzk Aeven-tyri 1, 163200. 2, 139. 36691. Ueber-setzungen ins Spanische, Italien., Engl. s.Hilka u. Söderhjelm, Kl. Ausg. S.XI ff.; ebdaFortleben einzelner Novellen in lat. Sammel-werken.

6 Wohl kaum erst von Alixandre. Vielleichtgab es ein lat. ep. Lied mit der Uebertragungauf d. klass. Altertum. Schon in dem lat. Spiel-mannsgedicht von Lantfrid u. Cobbo warendie oriental. Kaufleute in abendländ. Ritterumgewandelt.

7 Hgb. von Alf. Hilka, Gesellsch. f. rom.Lit.Bd.29 u. 40, Dresden 1912 u. 1916. Lit.üb.d.franz. Roman bei Kraus, Uebungsbuch aaO.

8 Siehe LG. 1,358 f.