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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 17. Albrecht von Halberstadt: Übersetzung von Ovids Metamorphosen 111

Buche selbst tritt diese polemische Stellung nirgends zutage, denn er erzählt,unbehindert dem klassischen Dichter folgend, getreulich die unglaublichen Ge-schichten jener sinnlosen Toren. Mit diesem absprechenden Urteil vertritt Albr.die Anschauung, die die offizielle Kirche über Ovid 1 und die antike Minne-mythologie hatte: sie ist nur ,fabula', eine Erdichtung, in der statt des WahrenFalsches gesagt wird, worunter zuweilen auch ein Körnchen Wahrheit miteingestreut sein kann. Der klassizierenden Richtung der Zeit und der Um-gebung aber konnte sich selbst ein so kirchengläubiger Mann wie Albr. nichtentziehen. Den Widerspruch mit seiner Überzeugung beschwichtigt er not-dürftig mit dieser Entschuldigung am Schluß seines Werkes. 2

Stil. 3 Albr.s Ausdrucksweise ist einfach und schmucklos, aber nicht immerklar. Sie bewegt sich nicht in langen Perioden, auch nicht in starrer Parataxe.Stilistisch bietet sie nichts Besonderes; kurze Anaphern, Zweigliedrigkeit,Formeln, ohne ausgesprochenes Gepräge. Zusammengehörige Worte werdenhäufig durch den Reim gesprengt (Enjambement, Prol. 17, Brachst. A 90.172. 246, B 32. 78. 97. 122).

Metrik. 4 Die Verse laufen ziemlich eben, die Senkungen sind frei be-handelt, aber nicht übermäßig. Die Reime sind rein, aber einigermaßendialektisch thüringisch gefärbt. Verhältnismäßig oft begegnen rührendeReime.

Veldeke, Herbort, Albrecht bilden unter sich eine einheitliche literarischeGruppe, sie sind die Vertreter der antiken Epik ritterlichen Stils in Thü-ringen, 6 die durch Veldeke dahin verpflanzt wurde. Aus dem Altertum ent-nahm überhaupt das frühste Werk der neuhöfischen Kunst, Veldekes Aeneas-roman, den Stoff, ihm folgte Herbort im unmittelbaren Anschluß mit derVorgeschichte des Aeneas, Albrecht wandte sich Ovid zu, aber nicht als demLehrmeister der klassizierenden Liebesromantik, sondern dem Darsteller desverwünschten heidnischen Aberglaubens, dessen Werk aber doch so mancheStellen enthielt, die in das literarische Gebiet des Trojanerkriegs fielen:Jason und Medea, Zerstörung Trojas, Ulixes'Fahrt; und ebenso in das derEneide: Aeneas'Fahrt, Gründung des Römerreichs und besonders der Aus-blick auf die Friedensherrschaft des Augustus.

Herbort und Albrecht gehören der gleichen Kulturstufe an. Auch Albrechthaftet noch an Veraltetem, auch er scheut nicht das Grotesk-Schreckliche,aber er hat der Antike nicht so viel mittelalterl.-ritterliches Kolorit verliehen.

1 Vgl. Conradi Hirsaugiensis Dialogus ed.Schepss, Würzbg. 1889, S.66.

2 Der letzte Absatz des Epilogs von 549 anist wohl, höchstens mit Ausnahme der Bitteum das Himmelreich in den Schlußversen,ein Zusatz von Wickram (Bartsch S. CLXI1).Die Gedanken von 54956 sind die gleichenwie die, die er in seiner pros. Vorrede (Bolte 8S.7, 1012 u. 2024) u. in der poetischen(S. 8, 3538) ausgesprochen hatte.

8 Runge S.28ff.; Ludwig S. 33 ff.; Preuss,Stilist. Untersuch, üb. Gotfr. v. Straßb. S. 11.

4 Ludwig S.725; Schröder, Gott.Nachr.1909 S.66 ff.; bes. S.84ff.; Helm aaO.

6 Vgl. Baesecke, ZfdA.50,381 f. Alexander-sage, Aeneis, Trojanerkrieg waren die großenantiken Epenstoffe des MA.s. In Frankreichwurde auch ein Thebenroman (um 1160) imAnschluß an die Thebais des Statius gedich-tet, in Deutschland hat aber diese Sage keinenEingang gefunden (s. unt. Wolfram). In denKreis derthüringischen Antike" gehört auchder Alexander des Biterolf (LG. II, 1, 248).