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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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Die erzählende Dichtung

Mythologie ist in deutsche Volkssage gewendet. Ebenso die Furien: diehorrifera Erinys (Ov. I, 725) ist die Tobsucht (Wickr. 1, 1461), die Eumeniden(Ov. X, 46) sind die drei Schwestern der Nacht (Wickr. 10, 130); sie heißenTötlich Herzeleid, Vergessenheit, Tobende Sucht (Wickr. 4, 836).

Ovids Erzählungsart ist sinnfällig und farbig, dramatisch bewegt, rhe-torisch; Albrechts Darstellung verblaßt in epischer Breite. Es sind ganz gegen-sätzliche Menschen, der routinierte Sprachkünstler in der Hochkultur desrömischen Weltreichs und der schlichte deutsche Mönch in seinem wald-umgebenen nordischen Kloster. Aber manchmal erweckt die einfache Natür-lichkeit mehr innere Teilnahme als die Virtuosität des RhetQrikers.

Von der Antike hat Albrecht wohl einige seinen Lesern ungewohnte oderanstößige Züge (u. a. in den Liebesgeschichten) abgestreift, aber das Wunder-bare der Entstellungen und Verwandlungen (Prol. 5 ff.), eben das aus-gesprochen Seltsame der antiken Phantasiewelt wollte er ja seinen deutschenLandsleuten nacherzählen. Den klassischen Inhalt hat er also nicht ange-tastet, er hat ihn nicht verchristlicht und auch nicht modernisiert. Er stehtzwar auf dem Boden der höfischen Bildung, aber er schreibt keinen höfischenTendenzroman mit dem Ziel auf Rittertum und Minne. Er ist kein romani-sierender Epiker wie Veldeke und Herbort, deren antike Stoffe ja vorherdurch das Mittel französischer Verhöfischung hindurchgegangen waren.

Schon Ovid hat sein Gedicht unter historische Gesichtspunkte gestellt,indem er mit der Weltschöpfung beginnt und mit Augustus' Vergötterungschließt. Albrecht hat den historischen Verlauf in die christliche Weltgeschichts-ordnung und in die Heilsgeschichte eingereiht, es sind die Zustände der zweiersten Weltalter (I. Adam bis Noah, II. Noah bis Abraham), Prol. 15, in denenGott sich der sündigen Menschheit verschlossen hatte, eine unsinnige Welt,die Gott noch nicht kannte, die Holz und Steine anbetete und an Quellenund Bäume glaubte. Es war das Reich des Teufels, das währte, bis derHeiland uns von ihm erlöste, zur Zeit des Friedenskaisers Augustus (Prol.6874, Epil. bei Wickram, Bolte 8, 51126). 1 Seine wirkliche innere Über-zeugung, seinen religiösen und moralischen Standpunkt gegenüber dem Fabel-werk, das er verdeutscht, hat er im Prol. und Epil. ausgesprochen. Im Prologbekennt er sich als Anhänger des strengen Kirchenglaubens gegenüber demantiken heidnischen Unwesen. Zum Schluß, im Epilog (550 ff.), erklärt er,die ganze Göttergesellschaft diene dem einen wahren Gott nur zum Gespötte.Ironisch wäre demnach der Inhalt des Gedichtes aufzufassen. Aber in dem

1 In der Tradition des MA.s gilt Augustusals Friedenskaiser (auch Ov. XV, 830 ff.), s.Massmann, Kaiserchr. 3, 547 ff; BartschS. CXXVI f.; Strauch, Enikel 21801 ff.; Bolte8, XV 111 Anm.; Polzer-van Kol, ArnoldsSiebenzahl S. 105 ff. (s. Bd II, 1, 70 ff.) Augu-stus als Friedensbringerder Welt vorausgesagt:Virgils 4. Ekloge, worüber eine reiche Lit. vor-handen ist; hier sei angemerkt: Hans Lietz-mann, Der Weltheiland, Bonn 1909; Burdach,

Berl.Ak.1910, 626. 630; Ders., Reformation,Renaiss., Humanismus, Berl. 1918, S. 65 u.Anm. S. 209 (mit Lit.); Ders., AckermannS.260; Schröder, ZfdA.42,371. Albr. istan dieser Stelle unmittelbar von Veldeke be-einflußt, En. 1340420. Das Zitat vom Um-schmieden der Schwerter u. Sensen stammtaus Jes. 2,4 (Albr. Prol. 7274, Epil. BartschS. 301 f.), es war häufig im Gebrauch.