§ 17. Albrecht von Halberstadt : Übersetzung von Ovids Metamorphosen 109
Reimversen ausgedehnt (B 1—15 = Ov. VI, 440—43), ohne daß der Inhaltdadurch bereichert würde. Die Abfahrt des Tereus und der Procne stellt Ov.mit wenigen charakteristischen Strichen vor Augen (443—46), Albr. gibt nurdie Tatsache im allgemeinen (16—22). Die 3Va Hexameter Ov. 446—49 sindauf 20 Verse verschleppt (23—42), dabei unbeholfene Tautologien wie Desquam er vil schiere dare. Do der sweher vernam Daz sin eidem dare quam,Flickvers 28; der Zweck der Reise 30—42 ist nur eine Wiederholung von5—13, zum Teil mit fast den gleichen Worten. Dann aber setzt der Dichterein: Philomela (Phylomena) tritt in den Saal. Die Aufgabe, Frauenschönheitzu preisen, beschwingt seine Seele, wie von einem Glanz geblendet kanner sich von der Wundererscheinung nicht loslösen. Aber ihm mangelt dieeigene innere Anschauung, und so muß er die Bilder für die Gedankenanderswoher entleihen.
Albrecht besaß keine dichterische Erfindungsgabe, aber eines war ihm eigen:ein warmes Empfinden für das Heimisch-Trauliche in der Natur. Er beobachtetliebevoll das Tierleben und mit wenigen Strichen verleiht er zuweilen land-schaftlichen Lokalisierungen des römischen Dichters reichere Farbe. Es sindnur kleine Miniaturbildchen in immer gleich wiederkehrenden Formen: 1 diekühle Quelle im Walde, von Gras umwachsen, beschattet von Bäumen, inderen Laub die Vögel singen; aber sie erhöhen die Stimmung in diesemWaldleben und zeugen von einem persönlichen Verhältnis des Dichterszur Natur (Wickr. 3, 364—73. 3, 997-1019. 4, 107—9. 5, 445—49. 7,401—8. 8, 639—44). Indessen originell ist er auch in dieser Anschau-ung der Natur nicht, vielmehr hat er den Typus aus Herbort genommenund dann mit nur geringen Variationen wiederholt. 2 Rührende Worte findeter für den Schmerz der Thisbe um ihren sterbenden Geliebten: die Wald-vöglein ruft sie an, um ihr klagen zu helfen, den Wald samt seinem Laubund Gras (Wickr. 4, 206—12), 3 weil sich sonst keine Menschenseele um sieerbarmt. So bringt er die klassische Welt dem heimischen Empfinden näher.Er tut es auch dadurch, daß er die antiken Gattungsbezeichnungen der niederenGottheiten ersetzt durch Namen aus dem deutschen Volksglauben: die Satyrnwerden zu Zwergen, Waldmännern, die Faune zu Eiben, die Oreaden, Dryaden,Nymphen zu Feien, Wald- und Wasserfrauen, 4 Wasserholden, Meerminnen.Wald und Wasser und Flur ist beseelt mit anheimelnden Geistern, klassische
1 Aehnliche Wiederholung z. B. beim Bildvom Morgenstern, das ursprüngl. zum mytho-log. Inhalt der Metam. gehört (Wickr. 2,252ff.= Ov. II, 112ff.; Brachst. A 240 ff. = Ov. XI,295 f.); Brachst. B 59-65, fehlt Ov. VI, 450;Wickr. 1,943 f. vgl. Ov.I, 498 f.
2 Deutlich ist dieses bei dem beschattetenQuellenbrunnen (Wickr. 3, 364—73 = Herb.2180—93): Dar ander sie ze vorn scheinWunneclldier vil dan ein Blume in dem meien,vgl. Herb. Als ein niuwiu bluome, Dia denalden Vorschein, Sie vantir geliehen dehein;und bei dem Vergleich der Philomela mit einer
Maiblume, Brachst. B 77—79 = Herb. 3112
—14.
3 Indessen ist es nicht ausgeschlossen, daßWickram zuweilen den Ausdruck in seinemmehr volkstümlichen Ton leise übermalt hat.Gerade an jener obigen Stelle klingen einigeWendungen an das Volkslied an. — DasselbeMotiv — der Wald als Klagehelfer, weil nie-mand zum Mitklagen da ist — in der großenKlage der Enite, Hartmanns Erec 5743—54.
* Waldgeister: v. D. Leyen u. Spamer, Diead. Wandteppiche im Regensburger RathauseS.16H.