§ 17. Albrecht von Halberstadt: Übersetzung von Ovids Metamorphosen 107
S.205—12, Bolte 8,93—105. B, Oldenb., Einblatt 144V.,hgb. von LObben, Germ. 10,237—45,danach bei Bolte 7, 277—83. — Der Dialekt des Schreibers der Hs. ist nordthüringisch.
Albrechts Gedicht ist von dem vielseitigen Schriftsteller Georg Wickram aus Kolmari. J. 1545 in die Sprache seiner Zeit mit der mundartlichen Orthographie seiner elsässischenHeimat umgesetzt und dabei gründlich umgearbeitet, auch etwas gekürzt worden; nur derProlog, 100 V., wurde wenig geändert. 1
Der Dichter wird nie von Zeitgenossen genannt, sein Werk war nicht vielgelesen. Nur aus dem Prolog schöpfen wir die geringen Kenntnisse überseine Person (Prol. 42—55. 81—98): 2 Geboren in Halberstadt, dichtete er inJechaburg, 1210 begann er seine Arbeit, 3 zur Regierungszeit des LandgrafenHermann von Thüringen, zu dessen Gebiet jenes Kloster (bei Sondershausen)gehörte. Ein Albertus scolasticus ist als Chorherr des Stiftes zu Jechaburgin 3 Urkunden 1217, 1231, 1251 nachgewiesen.* Von Geburt (Halberstadt)ist er Sachse und stellt sich im Prol. 44ff. selbst als solchen dar: er ist wederSwäp noch Beier, weder Dürlnch noch Vranke (d. i.: kein Hochdeutscher),sondern ein Sachse. Darum bittet er um Entschuldigung, wenn man inseinen Versen etwas Falsches oder Unrichtiges findet. Er schreibt als niederd.Dichter mitteld. 5
1 P. Ouidii Nasonis ... Metamorphosis usw.,getruckt zu Meintz bei Juo Schotter. . ., hgb.von J. Bolte aaO. Wickram hat seinem Textselbstentworfene Holzschnitte und oberfläch-liche prosaische Erläuterungen von Gerh. Lori-chius (aus Hadamar, Protestant., dann kathol.Theolog) beigegeben. DieAenderungen Wick-rams sind hauptsächl. veranlaßt durch Her-stellung des alternierenden Versbaus (acht Sil-ben stumpf, neun Silben klingend) und durchErneuerung des Mhd. zum Nhd., wobei oftFehler unterlaufen. Im allgem. hat sich Wick-ram ziemlich anAlbr.sText gehalten, hat aberdie natürliche Ausdrucksweise in die meister-singerischen Fesseln geschmiedet. — Ueb.Wickram: J. Grimm aaO. S.399ff.; BartschS. CXXXI ff.; Scherer, QF. 21,35 ff.; Bolte 8,XXIV- XLV; Runge S.l ff.; Schröder, Gott.Nachr. aaO. —Den ersten Versuch, Stellen desGedichtes aus Wickrams Bearbeitung ins Mhd.zurückzuübertragen, hat J. Grimm aaO. ge-macht, aber die Herstellung des ganzen Textesfür unfruchtbar erklärt. Bartschs Umsetzung(sie erstreckt sich über den größten Teil vonWickrams Ged.) ist mißglückt, wie schon dasnach BARTSCHSAusg.aufgef undene BruchstückLübbens erkennen ließ. Den Prol. (BartschS.l—3; Bolte 7, 5f.; Baesecke, ZfdA. 50aaO.) hatte schon Haupt, ZfdA. 3, 289—92mhd. hergestellt, später Schröder, Gott.Nachr. aaO.
2 J.Grimm aaO.; Bartsch CXXVIII-CXXXI;Bolte 8, V—XXIV.
3 Die Jahresbezeichnung für den Beginn derArbeit ist bei Wickram entstellt 81 ff., kannaber nur bedeuten, daß ,seit Christi Geburt1200 Jahre u. 10 vorher vergangen waren, be-vor ich das Buch begann', d. i. also das Jahr
1210. Bevorn, in dessen Deutung die Schwie-rigkeit liegt, gehört nicht zur Jahresziffer, 1200u. zehene bevorn bildet keine Zahleneinheit,sondern bevorn istadverbialeZeitbestimmungzu ergangen und seine Fortsetzung ist (be-vorn) an die stund (= vorher bis). Seit Wick-ram (in einer Randbemerkung [Bolte 7, 6]zur Stelle und im Widmungsschreiben 7, 4)galt auch 1210 als das gemeinte Datum(J. Grimm aaO. S. 10.397; Bartsch S. CXXIX;Bolte 8, VIII—X; Reuss, Herb.v.Fritzl.S.97;Runge S. 144). Neuerdings hat Baesecke,ZfdA. 50 aaO. bevorn als vor 1200 gefaßt u.demnach 1190 als Anfangsjahr erschließenwollen, ferner ZfdA. 51 u.ZfdPh.42aaO.; ihmfolgt Ludwig. Dagegen erhärtete Schröderdie Richtigkeit der alten Datierung 1210 (Gott.Nachr. u. ZfdA. 51. 52), ihm stimmten zu Be-haghel, Leitzmann, s. auch Vogt, LG. S.191,Golther, D. Dichtung 2 S.181; zweifelhaft:Helm, Richter. (Die Stelle bei HermanDamen, J. Grimm S. 418, Vogt S.191 Anm. 2,besagt wohl: ich gäbe 1000 treue Freundeum 3 untreue, und vorweg 30 untreue um3 treue; .vorweg geben' DWb. 1,1758,6 Abs.b.)
4 J. Grimm, ZfdA. 8, 464—66; Th. Irmischin den Beitr. z. Schwarzburg. Heimatskunde 1(1905); Baesecke, ZfdA. 50, 374 f. — DasReimpaar mit der Titulierung .Meister' vorWickrams Prol. (Bolte 7,5), wiederholt in derpros. Vorrede (7, 6), stammt wohl erst von e.Schreiber und stand in der Hs., die Wickramvorlag (anders Schröder, Gott. Nachr. S. 75.87 f.).
6 Bartsch S. CLXVII-CCXLIII; LudwigaaO.; Paul, Gab es S. 10 f.; Heinzel, Kl. Sehr.S.291; ROETHE, Reimvorreden S. 37. 64. Zur„temperierten" Lit.sprache s. oben Einl.