§ 16. Herbort von Fritzlar: Das Lied von Troja 105
Gliederungsmethode, so kennzeichnet den Schulgelehrten auch die Abschwei-fung auf die sieben Künste 7660—76 (veranlaßt durch Ben. 12346).
Anschaulich und ins Poetische gehoben wird die Sprache durch nicht sel-tene Bilder, in den Schilderungen der Gestalt, des Kämpfens, der Gemüts-bewegungen. Aber der Mangel an feinem Kunstsinn zeitigt zuweilen Ge-schmacklosigkeiten, z. B. wenn der liebeskranke Achilles sich gebärdet, alsob er Zahnschmerzen habe 12078 f. (Ben. 19430 f.: wie einer, der nichttrinken und essen kann, der bei Tag und Nacht keine Ruhe hat); der ver-liebte Diomedes trägt statt des Herzens leichte Spreu im Leibe oder einenStrohwisch, er haftet an der Geliebten wie ein Fisch an der Angel 9423 — 28(fehlt Ben. 15001 ff.); Briseida möchte lieber wie eine Kröte gehen, wennsie nurTroilus anblicken könne 8364 (fehlt Ben. 13277 ff.). Gotfrids v. Straß-burg Einfluß ist zu erkennen in zierlichen Wortspielen: leiden und scheiden2357—60, sur und süeze 7558—67. J
Im literaturgeschichtlichen Kulturzusammenhang nimmt Herborts Gedichteine rückläufige Stellung ein. Es unterscheidet sich von Veldekes Eneidezwar nicht so sehr in der sprachlichen Form oder in der Verskunst — inbeiden ist der stilistisch ungewandtere Herbort von Veldeke wenig beein-flußt —, auch nicht in der Einschätzung der ritterlich-höfischen Idealwerte(Bedeutung der Tapferkeit und des Minnewesens) als vielmehr im Ausdruckder Lebensformen dieser Gesellschaft. Das Lied von Troja vertritt nicht jenehohe Bildungsstufe wie die Eneide. Ihm fehlt das Haupterfordernis der feinen,höfischen Bildung, die Maße, und mit seinen roheren Auswirkungen gerätes zuweilen in die Schicht des Spielmannstones. Maßlos sind schon oft beiBenoit die Toten- und Abschiedsklagen, die Herbort noch zuweilen verlängert.Weiter als der französische Dichter geht er in der Darstellung der Zorn- und,Schreckensgebärden. Der Zorn kam Hercules ans Herz so übermäßig, daßihm seine Augen überflössen, vor Zorn schwitzte er, seine Zähne biß er zu-sammen, seine Augen verdrehte er, seine Kopfhaut rümpfte sich zusammenund seine Stirne 4130 ff. gegen Ben. 1089 ff., vgl. auch 2021—32 (eine Kür-zung der breiten Rede bei Ben. 3515—50); Entsetzen über die (erste) Zer-störung Trojas spricht aus den Gebärden eines Boten 1511—24, dazu 1511—39, gegen Ben. 2665 ff. Besonders kraß sind die Schlachtstücke, höchstgreuelvolle Schrecknisse, im Stil der älteren Epik (Alexanderlied, Rolands-lied, Spielmannsepik): die Erde, das grüne Gras wird von Blut rot gefärbt,die kämpfenden waten, schwimmen im Blut, sie rennen in dem Blut wiein einem Pfuhl, der Schweiß dringt durch die Rüstung, das Feuer fährt ihnenin die Augen, wenn sie hauen und schneiden, einer lag fahl da wie ein Mist-käfer (wibel 6880), ein anderer bleich wie der Tod, einer kroch aus dem Blut,einem anderen krochen die Maden aus den Wunden. 2 Ein niederer gesell-schaftlicher Ton bricht in Schimpfreden und Verwünschungen 3 durch,
1 Schröder 1918, 97.
2 Reuss S. 77-81; Bode, Kampfschilde-rungen, Greifsw, Diss. 1909; Runge, Albr.
v. Halberst. S.lllff.3 Frommann, Germ. 2, 60f.; Reuss S.44f.