§ 16. Herbort von Fritzlar: Das Lied von Troja 103
Doch ist Herbort v. Fritzlar kein ursprünglicher Kopf, sondern ein Nach-schaffer, ein schuolere, als welchen er sich selbst bekennt. Er besaß nichtdie erfinderische Begabung seines ,Meisters', auch nicht dessen sprachlichesTalent. Natürlich hat er in Einzelheiten auch manche gute Arbeit getan, ebenbesonders durch Kürzung übermäßiger Ausladungen, doch auch durch eigeneGedanken. So tritt uns in diesem gelehrten Manne doch eine besonderePersönlichkeit entgegen, freilich weniger in den gelegentlich ausgesprochenenformelhaften, billigen Urteilen oder in der Bezugnahme auf die Gegenwart, 1als in der ethischen Färbung, die er manchen Stellen entgegen seinemOriginal verleiht, 2 wo er sein Rechts- oder Sittlichkeitsgefühl obwalten läßt.Einen schönen und mannhaften Beweis dafür gibt er gleich im Eingangder Erzählung 106—24: er kann den treulosen Pelias nicht loben und wider-spricht dem ,welschen buoch', das diesen als einen Musterregenten darstelltB. 715—20. Die Treue, d. i. Rechtschaffenheit und Pflichtgefühl, Altruismus,preist er als höchste der Tugenden und als ihren Inbegriff, der unstete da-gegen verdient kein Lob. So tritt der Dichter sein Werk an mit dem Be-kenntnis seiner sittlichen Überzeugung. Zusammen mit diesem Zug zur ethi-schen Einstellung hängt eine Veredlung der Personen: Ben. deutet auf denVerrat Jasons hin 2028—44, Herb, übergeht diesen Makel 1150. — AusDares hat Ben. die Mißgunst gegen Achill übernommen und ihn dadurchentwürdigt, er nennt ihn einen verräterischen Feigling {coilverz 16222),Herb, stellt die Ehre des Helden wieder her: nicht hinterlistig hat Achillseinen Gegner im Kampfe getötet, sondern ehrlich durch seine überlegeneStärke Ben. 16222—30, Herb. 10396 f., und edelmütig hält er ihm einenehrenvollen, fromm empfundenen Nachruf 10409—28; dasselbe VerhältnisBen. 21440—524, Herb. 13215—53 (nicht Achill, sondern Kalo, ein Soldat,bindet bei Herb. Troilus an den Schwanz des Pferdes).
Auch in religiösen und volkstümlichen Zutaten äußert sich Herb.s eigeneDenkweise. Kassandra, die Seherin, läßt er wie Sibylle die Sendung desHerrn Christus verkündigen 1694—1708. 3261—76, während Ben. nebenihrer großen — aber nicht christlichen — Weisheit ihre körperliche Schön-heit preist 2953 f. 5529—40. Den Spott auf Kosten eines Priesters Ben.3993—4020 hat auffallenderweise auch Herb., der geistliche Schüler, ohneRückhalt aufgenommen 2261—80. Ganz aus dem antiken Geist des Stoffesheraus fällt die Erklärung des Orakels zu Delphi, daß Apollo der TeufelSatanas gewesen sei und das heidnische Volk Christenglauben noch nichtgekannt habe Herb. 3497—510, fehlt Ben. nach 5816. Auch aus der viertenStatue im Zimmer der Schönheiten spricht der Teufel, von dem die Negro-manzie gekommen ist Herb. 9367—73. Wie sehr Herb, an dem Zauber- undTeufelsglauben haftete, zeigt auch die lange Ausspinnung der Künste derMedea 816—54, fehlt Ben. nach 1300. Seinem eigenen Vorstellungsgebiet
1 Reuss S.91 _ 94.
2 Frommann, Germ. aaO. S.60f.; Dunger S.42f.; Greif S. 88 f.