102 Die erzählende Dichtung
farblosen Auszug 8456—90 gegen Ben. 13331—409. Das psychologischeProblem liegt in der Untreue der Frau. Dieses hat Ben., der Frauenverächter(vgl. Ben. 15038 ff.), schärfer und tiefer ausgearbeitet. Bei Herb, wird schließ-lich die Schuld dem Troilus aufgeladen, allerdings nur durch eine sophistischeSelbstrechtfertigung der Briseida; im Grunde ist dies der nackte Egoismus.Ben. dagegen ist der scharfsichtigere Psycholog, er kennt den inneren Zwie-spalt in einer schuldbewußten Seele und den Streit zwischen dem Gewissenund der Herzensneigung. Briseida fühlt ihr Unrecht 20237—340 und machtsich heftige Vorwürfe, daß sie Troilus verrät, aber sie kann nicht anders,sie ist ein Opfer ihrer Schwäche. — Noch mehr weggelassen hat Herb, inder Liebesgeschichte von Achilles und Polyxena. 1 Den hier gegebeneninnern Widerstreit zwischen Ritterehre und Minne in Achilles hat Herb, auf-genommen. 2 — Die drei Liebesverhältnisse stellen drei verschiedene Er-scheinungsarten der Minne dar. In Jason und besonders in Achilles ist siedie Vernunft raubende Krankheit, bei Achilles schon ein pathologischer Zu-stand, er ist zum „Weibertoren" geworden Herb. 11181. Diomedes ist nurder galante Liebhaber der Briseida, dessen Beredsamkeit bei Herb, aller-dings keine gewinnenden Eigenschaften besitzt. Briseida ist die flatterhafteGeliebte (wie Helena 2717—26), Polyxena die charaktervolle. Immer abertritt die Minne beim Manne plötzlich auf, beim ersten Anblick. Es ist eineInfektion.
In den Naturschilderungen geht Herb, etwas über seine Vorlage hin-aus und entfaltet reichere Bilder, z. B. bringt er kleine Erweiterungen an in2170—93, Ben. 3860—72; H. 2349—51 u. 57—60, B. 4167f.; H. 13873—83,B. 22599 ff.; H. 14339—47, B. 23313—18; H. 13977—86 fügt er gegenB. 22823 hinzu, dagegen ist z. B. H. 1233-40 schwächer als B. 2183—91.Selbständig aber ist Herb, im Wächtermotiv. 3 Charakteristisch für seine Über-tragungsweise ist der Zeiteinsatz 1295—1317: Ben. hat eine Frühlingsformel2371—78, ein Seitenstück zu dem kurz vorhergehenden Eingang des ganzenAbschnitts, 2183—91 (= Herb. 1233—40), hierfür gibt Herb., wohl um ab-zuwechseln, eine Wächterszene 1295—1317, mit welcher er zur gleichen Zeitdie in Ben. auf die Naturformel folgenden, die Handlung weiter führendenVerse 2379—88 Ben.s ersetzt: hier bei Ben. sehen Bauern der Gegend dasfeindliche Heer herannahen, Herb, hat also die unhöfischen Bauern durchden zum Ritterkostüm gehörenden Wächter ersetzt (vgl. Veldeke, ob. S. 70).
das eine treffende Illustration zum Wächterliedist (B. 11097,ff. redet nicht vom ,Lied' desWächters [dasTagelied war im Frz. überhauptwenig verbreitet], es sind die Nachtwache hal-tenden Soldaten). Zu dieser Vorliebe für den
1 Herb. 11152-475. 12075-91. 12810—72.13C96-140.13760—80. 16412-82 geg. Ben.17535-18143.19427-48. 20691—812. 21227—4L 22435—60. 26387—552.
a Es ist das Erecproblem vom Sich-verliegen.
3 Das Wächtermotiv hat B. 11097—102 =H. 6655—62, H. setzt es außerdem noch zwei-mal, wo B. reine Naturstücke hat: 4175—200für die bloß zwei Verse B 7062 f. und an obigerStelle 1295 ff., B 2371 ff. Die Ausführung zuanschaulichen Bildern ist Herb.s Eigentum.Er folgt ganz der Wirklichkeit, bes. 4175 ff.,
Wächter ist Herb, wohl durch das ,tageliet'4179 des Minnesangs, spez. durch das Wächter-lied angeregt worden. Doch wäre es gewagt,daraus Schlüsse auf die Abfassungszeit desGedichtes (nach Einführung des Wächters indas Tagelied [Wolfram]) zu ziehen.