100
Die erzählende Dichtung
langen Schilderungen, 1 Ratsversammlungen, Reden und Gespräche, vor allemaber die nach ritterlicher Methode ausgefochtenen Kämpfe, die gedehntenMinneszenen, 2 die endlosen, immer sich wiederholenden Klagen um dieGefallenen; einige Familienepisoden 3 bringen wohltuende Beruhigung indas aufgeregte Kriegsleben. Mit der Zergliederung der Liebesleidenschafthat der französische Dichter den Schritt vom Stoffhaften zum Seelischengetan, in diesem Eingehen auf das Innenleben spricht sich am stärkstendie sentimentale Lebensstimmung des MA.s in ihrem Unterschied gegen dieheroische Antike aus. Spärlich nur wirkt in dem großen Schlachtenbild dieNatur mit. Zuweilen sind die kurzen, Abschnitte einleitenden Tageszeitangabenzu anmutigen, kleineren Naturbildern erweitert, selten sind die Naturbezügeaus dem Stoff der Erzählung hervorgegangen. 4 Das antike Götterwesen mitdem mythologischen Apparat ist schon bei Dares und Dictys nahezu aus-geschaltet.
Benoit ist Gelehrter, geistlich geschult und stolz auf seine wissenschaft-liche Bildung, sein Werk betrachtet er als eine Historie, als Geschicht-schreibung. 6 Er gliedert übersichtlich die große Stoffmasse durch kenn-bare Einsätze bei den Abschnitten. Die Schlachten sind nach einem be-stimmten Plan angelegt: auf den Kampf folgt am Abend die Waffenruhe,die Toten werden begraben, Klagen werden angestimmt.
Herborts Trojanergedicht ist eine freie Übertragung von Ben.s Werk 6— unter dem Prinzip, dessen großen Umfang auf ein handlicheres Maß zubringen. Er hat die über 30000 Verse seiner Quelle auf etwas mehr als 18000
1 z. B. das Zimmer der Schönheiten (Ala-basterzimmer) 14631-958, vgl. 11753—58.848—50; der Palast des Priamus 3041 ff.; dasBett der Medea 1551—68. Begräbnis u. Sarko-phage: des Hektar 16317—858, des Achilles22335—500, s. ferner Constans, Reg. V: monu-ment, sarcueil, sepouture (vgl. KunoFrancke,Lat. Schulpoesie S.27ff.); die Geographie desOrients 23127—356 (nach der Kosmographiedes Aethicus), der 23135 genannte Julius Cae-sar ist Julius Honorius, unter dessen NamenHss. des Aeth. mit einigen Zusätzen gehen,vgl. Constans V, 252 f.]; das Kleid der Bri-seida 13331—424.
2 Eigene Erfindung Ben.s ist die Liebes-geschichte von Troylus u. Briseida. Bris,kommt bei' Dares u. Dictys nicht vor, Ben.macht sie zur Tochter des Kalchas und ver-mischt diesen mit Chryses (der bei Dares fehlt).Dadurch übernimmt Bris, teilweise die Rolleder Chryseis (fehlt bei Dares, trägt bei Dictysden — späteren — Namen Astynome). Dashomerische Verhältnis (u. ebenso in OvidsMet.) Achilles-Chryseis kommt bei Dares u.Dictys nicht vor, statt dessen Achilles-Poly-xena. Ben. hat also aus seinen Quellen dieLiebe Achilles-Polyxena und fügt seinem Ro-man die Liebschaft der Briseis zu, gibt ihraber, da Achill schon für Polyxena vergebenwar, als Partner den Troilus. Bei der Aus-
führung der Briseidaepisode nimmt er dasVerhältnis von Helena zu Menelaus zum Mo-dell: Hei. u. Bris, werden beide ihren Gatten(Menel. — Troil.) entrissen, sind darüber un-tröstlich (Klage), werden getröstet (durch Parisbzw. Diomedes), versöhnen sich mit ihremSchicksal und werden damit ihrem ersten Ge-mahl (Menel. — Troil.) untreu. — ConstansVI, 249 ff.
3 u.a. 11685—752. 14601—30.
4 z. B. 3561—75. 5066-80.
6 Er ist also zunächst ,Historiograph', erst inzweiter Linie ,Poeta', vgl. Schepss, ConradiHirs. Dial. S. 24.
6 Herb. u. Ben.: Frommann, Germ. 2, 49—81. 177—209. 307-42; Dunger S.40—43;Clemens Fischer, Münster. Diss., Neuphilol.Stud. Heft II, 1883, dazu Joseph DLz. 1884,653, Settegast, Lbl. 1883, 428 f.; ConstansVI, 341 —43. — Herb, gibt seine Vorlage selbstan 47. 65.106. 1178. 4786 {daz welsche buoch,ohne den Namen Bens zu nennen); häufigzitiert er Dares; von 14938-55 (= Ben. 24395— 424) an den Dictys (Ytis, im frz. RomanDitis, sehr selten Ytis, Ythis. s Constans, Reg.V, 47), aber immer im Anschluß an Ben., vgl.Greif S. 84 f. — Es gibt noch keine Unter-suchung darüber, welche Hss.gruppe Herb,benutzt hat.