94 Die erzählende Dichtung •
wählten Ausdruck zeigt die häufige Wiederholung gleicher Worte oder des-selben Gedankens. Der Satzbau ist einfach und korrekt, kurze Perioden,häufige Anreihung mit doe; öfters Parenthesen. Beliebt ist Anapher, hervor-tritt dabei die Spielerei mit dem Worte Minne 10246 ff. 11097 ff. und inEpiphora (Wiederholung am Ende des Verses) 11149 ff. Besonders fremd-artig dem german. epischen Stil ist die „Stichomythie", die kurze erregteWechselrede, wo Frage und Antwort Schlag auf Schlag folgen. Sie ist einklassisches Kunstmittel, Veldeke hat sie aus seiner franz. Vorlage übernommen,aber später, in der Lavinia-Episode, auch unabhängig von jener angewendet(608 ff. 1460 ff. 2018 ff. 9789 ff. 9966 ff. 10556 ff. 12900 ff.). Stilistische Prunk-stücke sind die Rührszenen, die Liebesklagen der Dido und der Lavinieund die Totenklagen um Pallas und Kamille.
Metrik. 1 Die Reime sind, mit nicht ganz wenigen Ausnahmen, rein.Vokalisch ungenau sind z. B. ander-.wonder, laste-.beste, konsonantisch un-genau dingen -.gewinnen, klageden : haveden u. ä.; überschüssige Konso-nanten : oft e : en, aber auch dochter : mochte. Mitteldeutsch reine Reimesind z. B. i: e wie vride : rede, kinde : ende, u : o wie wollen : hulden, bogen:vlugen, ä (nicht umgelautet): ce: rate : tcete; inl. / (v) : b: neve : gebe, ausl.p :f: liep : brief, ch :ft: nacht: kraft, Abfall des ausl. ch nach langem Vokal:ho : frö. — Einsilbigkeit der Senkung ist Norm, doch wird sie auch über-schritten, andrerseits fehlt die Senkung auch häufig.
Lieder: Wie das moderne Epos französischen Stils, so hat Veldeke auchden romanisierenden Minnesang als erster (neben Friedrich v. Hausen) indeutscher Sprache nachgeahmt. Unmittelbare Einwirkung auf die Entwicklunghat er kaum gehabt, in die großen Liederhss. sind seine Strophen wohlhauptsächlich wegen seines berühmten Namens aufgenommen worden, erhat sie nicht in hd. Sprache, sondern in seinem limburgischen Heimatdialektabgefaßt. Über seine Lieder s. unten beim Minnesang.
Ein kleineres, erzählendes Gedicht, wohl nach der Eneide entstanden, VonSalomon und der Minne, 2 ist uns verloren und nur aus einer Anspielungin der Versnovelle Moriz v. Craon 3 bekannt: danach handelte es von derBetörung Salomons durch die Liebesgöttin Venus, die ihn mit ihren Pfeilenschoß, als er sie auf seinem Lager anrief, wobei dieses herrlich beschriebenwar. Den minnekranken Salomon erwähnt Veldeke auch als Beispiel in seinemLiede MF. 66, 16 ff.
Während in Oberdeutschland sich die epische Kunstdichtung nach dem
Vorgang Hartmanns v. Aue einem neuen Stoffgebiet, dem Artusroman, zu-
1 W. Grimm, ZGdR., Kl. Sehr.4 Reg. S.332;Behaghel S.CXI—CXXI; Kraus, H.v.Veld.;Braune, Heidelbg.SB. aaO. S.5ff.; Gierach,Sprache v. Eilh.s Tristr. S. 258; Vogt, MF. 3aaO.; Saran, Verslehre Reg. S. 348, Schrö-der, Gott. Nachr. 1918 S.386. 416 f.; Pfann-müller, Beitr. 40, 373. Klingende Reime:Schröder, Rittermeeren' S.X; rührende Reime:v. Kraus, ZfdA. 56, 59—62. 79.
* Vogt, MF. 3 S.335 ff.; Frantzen, Neo-philol.5 (1920), 368; Öhmann, Beitr.48,137f.
3 BehaghelS.CLXXII— CLXXIV; Schröder,Mor. v. Craon 1158 ff., s. ob. Mor. v. Cr.;Vogt, MF. 3 S.343; Singer, ZfdA. 35, 182;Martin, ebda36, 204; R.M.Meyer, ebda39,320.326; Panzer, Hilde-Gudrun S. 272;Schwietering S.67 f.; Burdach, Vom MA.zur Ref. II, 1 S.87f.