§ 15. Heinrich von Veldeke 93
ethische Gehalt ist abgeblaßt. Schon die Komposition zeigt es deutlich:Virgils Aeneis besteht aus zwei Hauptteilen: die Irrfahrten des Helden mitihrem Höhepunkt in dem Liebesroman der Dido, und die Eroberung derneuen Heimat. Die mittelalterl. Aeneide dagegen ist dreiteilig: die erste Liebes-geschichte, der Didoroman, mit tragischem Ausgang, darauf die Kämpfe umsneue Land, dann eine zweite, erst von dem franz. Dichter ausgesponneneLiebesgeschichte, der glücklich endende Laviniaroman, der bei Virgil nurim Keime liegt (die sieben Verse Aen. XII, 64—70). 1 Also eine Verstärkungdes echt höfischen Elementes der Minne im Sinne Ovids mit scholastisch-spitzfindiger Liebeskasuistik, womit die dem antiken Geiste innelebendeheroische Stimmung stark zur mittelalterlich sentimentalen verschoben wird.
Virgils Werk ist aber nicht nur einer historischen Tendenz, dem Welt-imperiumsgedanken, entsprungen, sondern es ist zugleich der Ausdruck einerewigen Idee, einer Weltanschauung: es ist die Religion des Stoizismus,der Wille der Gottheit waltet unbedingt, und des Menschen Frömmigkeitist Hinnahme des göttlichen Willens. Das ist zugleich christlicher Glaube,aber die mittelalterl. Dichter haben diesen Grundgedanken nicht durchdringenlassen können. Das mythologische Wesen ist bei ihnen in den Hintergrundgerückt und zur Staffage geworden, es ist eine weltliche Regierung so gutwie in einem andern irdischen Staat; haben doch diese Götter schon beiVirgil höchst menschliche Leidenschaften. Aber es war auch nicht möglich,den göttlichen Willen, der den sittlichen Mittelpunkt des klassischen Ge-dichtes ausmacht, ohne weiteres mit dem Willen Gottes zu identifizieren,und so ging die Ethik des mittelalterl. Romans des Begriffes der Pietät:(pius Aeneas) verlustig. Damit sinkt auch das sittliche Pathos des Helden,sein Verhalten gegen Dido ist unmännlich im französischen, jämmerlich imdeutschen Gedicht. Die innere Tragik hat freilich auch Virgil nicht durch-gekostet, den Kampf zwischen der Pflicht des Göttergehorsams und derLiebestreue; aber seine römischen Leser empfanden die Flucht des schwachenHelden nicht als Gewissensschuld, denn es handelte sich ja nur um dieZertretung eines Weibes, und das war eine Bagatelle gegenüber der Erfüllungseiner göttlichen Mission, die ihm eine Weltmacht einbrachte.
Der Stil 2 der Eneide als Kunstsprache ist einfach, ohne besondere rhe-torische Schmuckmittel und noch sehr formelreich, die freiere Beweglich-keit der Wortkunst Hartmanns hat Veldeke noch nicht erreicht. Doppel-glieder, Quellenberufungen, Beteuerungen, Wendung an die Zuhörer, Über-gangsformeln, Stimmungsformeln, Flickverse. Geringes Verständnis für ge-1 Brief der Lavinia s. Brief der Isalde in Eil-
harts Tristrant; Ernst Meyer, Die gereimtenLiebesbriefe, Marbg. Diss. 1898 S.43f.2 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 242 ff.; Behaghel,S.CXXI—CXLII; v. Muth S. 649 ff.; ROET-teken, Die epische Kunst Heinrichs v. Veld.u. Hartmanns v. Aue, Halle 1887, dazu Erd-mann, ZfdPh. 23,354, Wilmanns, DLz. 1888,1186, Ehrismann, Lbl. 1888, 527—29; Bur-
dach, Reinmar Reg. S.233. — Stichomythie:W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 245; Bethmann, GrafRudolf S. 123 ff.; Singer, Wolframs Stil S.20;FiRMERYaaO.; Gogala di Leesthal aaO.;Redeeinführung: Ludwig, Albr. v. Halberst.S. 44—48; Schwartzkopff, Rede u. Rede-szene pass.; Formeln: van Dam, Vorgesch.S. 115 ff.; Anredeformen: ZfdWortforsch. 2,133-36.