92 Die erzählende Dichtung
Schließlich beruht der Unterschied zwischen Veldeke und seinem franz.Vorgänger auf der Verschiedenartigkeit der Bildungsanschauung der beidenVölker und der beiden Dichter, also in dem Charakter der Nationen, denensie angehören. Von den historischen Erwägungen ist denn auch auszugehen,wenn man die Bedeutung der beiden Persönlichkeiten endgültig bemessenwill. Gewöhnlich wird nach nationalen Sympathien geurteilt, dann ist derfranz. Eneasroman ohne weiteres der deutschen Eneide überlegen, oderumgekehrt, der deutsche Dichter hat mehr Tiefe u. dgl. Der Literarhistorikeraber hat nicht nur den ästhetischen und ethischen Gehalt einer Erscheinungzu bewerten, sondern er hat sie auch aus ihren historischen Bedingungen herauszu erklären und zu verstehen. Die Beurteilungsbasis für Veldekes Leistungist im Geiste seines Volkes gegeben. Seine dichterischen Grundsätze mögenrein künstlerisch betrachtet bedenklich oder einseitig sein, sie haben aberhistorisch ihre Berechtigung, es sind Bildungselemente der Nation, die alsbaldin der Pflege stärkerer Geister erhabenste poetische Schöpfungen des MA.szur Reife brachten. Veldeke hat jenes Ziel einer schönen und tiefen Bildungvor Augen gehabt, seine Kraft aber war zu schwach, es zu erreichen. DerGehalt seiner Dichtung ist ihm nicht zu einem tiefen sittlichen Erlebnisgeworden. Die Tragik innerer Zerrüttung haben erst Hartmann undGotfrid zu empfinden und auszudrücken verstanden und am ergreifendstenWolfram: ihnen ist die Grausamkeit des menschlichen Lebensloses, sich inSchuld verstricken zu müssen, zur eigensten innern Wahrheit geworden.Veldeke hat seine Aufgabe nur in der Bildung des höfischen Rittertumsgesucht, Hartmann, Wolfram und Gotfrid erhoben ihre Ziele ins allgemeinMenschliche, zu ewigen sittlichen und darum tragischen Gesetzen. Aber umihn richtig zu würdigen, muß man die Schwierigkeiten in Rechnung bringen,die ihm die Neuheit seines Unternehmens, die Begründung eines modernenhöfischen Stils, geboten hat.
Virgils Aeneis und der mittelalterl. Eneasroman. 1 Der franz. Dichterhat den klassischen Stoff in mittelalterl. Anschauung übertragen. Wie hat er,und mit ihm Veldeke, die Antike aufgefaßt? In dieser Frage verdichtet sichdas Problem von dem Unterschied des klassischen und romantischen Geistes. 2Es sind zwei verschiedene Welten: dem Römertum war Virgils Dichtungdas Nationalepos, das die wunderbare Entstehung seines Weltreichs besang,das ehrwürdigste Denkmal seiner ganzen gloriosen Geschichte — das ro-mantische MA. dagegen legte seine Ideale hinein, die ritterlichen Gemüts-mächte Heldentum und Minne. Aus einer großen, weltbewegenden Idee wareine zeitlich begrenzte Standesphantastik geworden, statt der Eroberung einesneuen Vaterlandes und der neuen Zukunft eines untergegangenen Volkesentfaltet sich das Lebensbild des Ritters mit seinen Kampf- und Liebes-abenteuern. Der weltumspannende Horizont ist in Schranken geengt, der
1 Virgil im MA. s. oben Einleit. Mittelalterl. S. 56 f.; Meier Helmbrecht 41—53.bildl. Darstellungen zu Virgils Aeneis: Carm. 2 Schwietering, ZfdA. 61,61 ff. u. Festschr.Bur. S. 54 f., dazu d. lat. Ged. Nr. CXLIX aaO.