§ 15. Heinrich von Veldeke
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der Götterspruch für En. ein Schicksalswendepunkt, ein tragisches Leiden,der Leser tut einen Blick in seine Seelenkämpfe 1625—44. 55—57 undEn. gibt eine klare Begründung seiner Handlungsweise, wobei er auch Wortefür seine Liebe hat 1759—90. Veldeke hatte dagegen nicht das poetische Ein-fühlungsvermögen in ein solches Seelenleiden, während er Verstöße gegenäußerliche Hofetiquette wohl bemerkt.
Die selbständige Stellung, die Veldeke seiner Quelle gegenüber einnimmt,zeigt sich schließlich auch in verschiedentlichen Weglassungen einzelner, ■einigemale sogar umfangreicherer, Stellen, die für den Entwicklungsgang derHandlung unwesentlich sind. Auch verfährt er zuweilen frei mit der Aufein-anderfolge des Textes: durch Umstellungen sucht er einen geordneteren ,Zusammenhang zu schaffen oder Widersprüche zu beseitigen oder bessereÜbergänge zu gewinnen. 1 Aus solchen Änderungen erhellt ebenfalls, daßVeldeke planmäßig gearbeitet hat.
Dem Unterschied zwischen der gedrungenen franz. Darstellung und derbreiten deutschen entspricht auch der Versbau: das Ethos des franz. Versesberuht in seiner dipodischen Anlage, es ist die Kraft des rhythmischenAusdrucks, die Betonungsstärke der zwei die Haupthebungen tragenden Wörterund der regelmäßigen Wiederkehr dieser Kraftträger. Festigkeit, Klarheit,Bestimmtheit ist der Charakter dieser in Parallelismus und Antithese sichmarkierenden Rhythmik; der gleichmäßige Wechsel zwischen Hebung und Sen-kung (der alternierende franz. Typus), die in fast jedem Verse wiederkehrendeSpaltung in zwei gleiche akustische Hälften verleiht der Massengliederungund der Deklamation eine gewisse Einförmigkeit und Starrheit. Demgegenüberist der Vers Veldekes viel freier, sowohl in der Behandlung der Senkungenals auch in der Verteilung der Haupthebungen, denn er ist monopodisch. 2
Und endlich auch der Satzbau hängt mit diesem Versprinzip zusammen,denn wie einfach auch Veldekes Konstruktion noch ist, so ist sie doch grund-sätzlich von der des franz. Originals verschieden, weil sie nicht wie dieseausgesprochen parataktisch ist.
Faßt man die vorhergehenden unterscheidenden Merkmale in der Dar-stellung beider Dichter znsammen, so findet man die zwei gegensätzlichenStiltypen: der Franzose ist Realist, der Deutsche idealisiert, jener schreibt unddenkt sensualistisch, dieser sentimentalisch, jener schöpft aus dem Leben, dieseraus der Schule, jener bewegt sich frei in der Welt der Erscheinungen, dieserhält sich ängstlich an die Regeln der Sitte. Es ist schließlich ein Wider-streit zwischen Natur und Kultur. Man wird dem Franzosen die stärkeredichterische Veranlagung zuerkennen, man wird dem Deutschen seine ethischenGrundsätze zugute halten, auch wo er sie pedantisch befolgt
1 BEHAGHELS.CXLIXff.
2 Dipodischer Bau: der Vierheber zerfälltdem Sinne u. der Betonung nach in zweigleiche Hälften, deren jede eine Haupt- u. eineNebenhebung enthält (s. LG. I, 185); mono-
podisch gebaut sind die Verse, in denen dieHaupthebungen frei sind, d. h. der Zahl nach2 od. 3 od. 1 od., selten, 4. Der Vers bestehtdann nicht aus zwei gleichen Sinnes- u. Be-tonungshälften.