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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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90 Die erzählende Dichtung

regelt durch die mäze, die zuht. 1 Niedere Personen werden im Stande er-höht: die Hirten des franz. Romans, pastor 948, werden zu Kriegern, onseknechte Veld. 996; Bauern aus der Gegend laufen zum Kampf zusammen,Franz. 3631, bei Veldeke 4682 ff. sind es Burgmannen; im franz. Roman8812 ruft ein archier, Schütze, Lavine zu Veldeke 10846. 58 macht ihn zueinem Joncher' und Verwandten des Königs. Auf Einhalten feiner Lebens-art sieht Veldeke bei Botschaften, Begrüßungen, Empfängen, Reden. In dererregten Ratsversammlung wird von Drances noch, gegen das Original, ganzspeziell hervorgehoben, daß er ein sehr fein höfisch gebildeter Mann warund vele getogenlike (8529. 31) antwortete (Franz. 66336804, Veld. 8528741); beschimpfende Wörter in der Hohnrede des Turnus, wie felonie,coardise (Feigheit) 6754 f., werden unterdrückt. Gar die respektwidrig natura-listische Schilderung, wie die tapferen Ritter beim Ausbruch des Unwettersein panischer Schrecken ergreift, so daß sie nach allen Seiten fliehen, derKühnste zum Feigling wird, der Stärkste vor Furcht zittert, mußte dem wohl-erzogenen Hof mann Veldeke ein Greuel sein (Franz. 151113, Veld. 1816 ff.);und bezeichnend ist, daß er das vorlaute Benehmen eines Ritters als einenhöfischen Ausnahmefall hinstellt: he was ein spotäre, swie er ein ridderwäre 1094464. Besonders aber vermeidet Veldeke möglichst alles, wasden höfischen Anstand, die zuht, verletzt, darum mildert er drastische Stellen,heftige Affekt- und Schmerzausbrüche des franz. Romans. Jedoch die höchsteLeidenschaft kennt keine Schranken der Erziehung: weinend bricht die be-trogene Dido in Anklagen und Schelten (2205) gegen En. aus. Die alteKönigin vollends ergeht sich in ihrer Wut in heftigen Beschimpfungen (41444344. 1301292). Diese, mit Turnus die Gegenspielerin des Liebespaares imLaviniaroman, steht ihm außerhalb der höfischen, ja menschlichen Gesetze:sie ist ihm eine Teufelin; aber er streicht die obszönen Züge, die das franz.Gedicht breit auseinandersetzt (Franz. 8445 ff., es ist ein Protest gegen dieSodomie der Griechen). Sonst idealisiert Veldeke wie die Gesellschaftsformenso auch den Charakter der Menschen. Vor allem Didos: er kehrt ihr starkesEhrgefühl hervor und den innern Kampf, den ihre weibliche Ehre mit demLiebesbegehren führt 1304f. 1402. 1460. 2044, vgl. 85559. 1322ff. 1650ff.»Die schwierigste Aufgabe in dem Gedichte war die Zeichnung des Charaktersdes Helden, besonders seines Verhaltens gegen Dido. Dieser Rolle ist Veldekenoch weniger gerecht geworden als sein franz. Gewährsmann. Zu einem innernKampfe kommt es bei ihm überhaupt nicht, stumpf befolgt En. den Befehlder Götter und hat für die Verlassene nur nichtssagende Redensarten: deswart bedroevet sin moet 1970, dat skeiden dede heme we 1992. 2055. 2065.2165 f. 2168 f. 2532. 2536; er weiß, daß er Dido Schmerzen bereiten wird1982 f., aber am meisten bedauert er sich selbst 2050 f., das Hauptanliegenist ihm, mit guter Art davon zu kommen 198491. Im franz. Gedicht ist

1 Behaghel S.CLV; Gog. di Leesth. passim; Regine Strümpell, Progr.Erlangenl917.

2 Gog. di Leesth. S. 26 ff.