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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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88 Die erzählende Dichtung

der Leser für das Erzählte zu erhöhen; er läßt die Lebensmomente nichtim Geschehen allein an uns vorbeiziehen, sondern er berichtet über sie, die Dingewirken dann nicht unmittelbar, sondern der Dichter leitet uns auf sie hin.Der Lebensrhythmus ist gedehnt, die optische Auffassung des Stoffes istflächenhaft. Trotz, oder gerade wegen der größeren Ausführlichkeit ist alsodas deutsche Gedicht doch weniger anschaulich, das weitgehende Interesseam Kleingegenständlichen verdeckt die festen Linien der Szenerie; demgegen-über ist die Darstellung des französischen Dichters sinnfälliger, leibhaftiger,kräftiger und bringt die betreffenden Partien in ein klareres Gesamtbild.

Die Abweichungen und Eingriffe Veldekes, teils mehr zufällig und un-bewußt, teils erzählerisch beabsichtigt, lassen sich unter drei Gesichtspunktebringen:

1. Der Wortlaut des französischen Originals im einzelnen wirdbreiter und ausführlicher wiedergegeben. Dieser äußerlichste Grund zur An-schwellung liegt in der Begrenzung von Veldekes sprachlichem Vermögen: erbesitzt keine stilistische Gewandtheit oder gar sprachliche Phantasie, es fehltihm überhaupt nahezu der Begriff der Sprache als künstlerischen Ausdrucks-mittels. Er ist ein ganz angenehmer Erzähler, aber kein Künstler. Und dieSchwierigkeit, die Gedanken und Worte in die vorgeschriebene Form derVerse zu gießen, in Rhythmus und Reim, ist ein erster, ein unbeabsichtigterGrund zur Weitschweifigkeit. Dadurch benötigte er oft inhaltleeren Füllsels,das sich ihm in Formeln und Flickversen bot, oder er gebraucht mehrund überflüssige Worte für ein und dieselbe Sache. Häufig wiederholt erdie gleichen Worte, Wendungen und Reime in kurzen Abständen. Diese reintechnische Arbeitsweise Veldekes mit ihrer dem französischen Original gegen-über größeren Umständlichkeit kann man sich veranschaulichen, wenn manz. B. die Partie von des Eneas Ankunft in Libyen Veld. 224 ff. genau mitdem Original 270 ff. vergleicht und Wort für Wort auf die Wagschale legt.

2. Anschwellung ganzer Partien ohne eigentliche Vermehrung derHandlung, durch Schilderungen und Beschreibungen von Personen und Gegen-ständen, Waffen, Kleidung, von Kämpfen, Burgenbau, Ratsversammlungen,Festen, von Reden, Liebesschmerzen. Diese bloß ornamentalen Ausfüllungenvornehmlich, die anfangs seltener sind, bes. gegen Schluß aber umfangreicherwerden, verursachen die epische Breite von Veldekes Erzählungsweise. Schonder Umfang einzelner Versgruppen kann einen Eindruck solcher schildernderErweiterungen geben. 1 Der ganze Didoroman geht im französischen Originalvon 2702144, bei Veldeke von 2452528, enthält also bei diesem 408 Versemehr. Erweitert sind Personenschilderungen, z. B. die Sibille Frz. 226772,Veld. 2689741; Kampfschilderungen: En. u. Turnus Frz. 9275838, Veld.1160512207. 12303634; Reden: Frz. 3277384, Veld. 4144344;Ratsverhandlungen: Frz. 4107243, Veld. 5313532. Die Festschilderungals Abschluß der Schicksale des En. ist fast ganz eigene Zufügung Veld.s

1 Behaghel S. CXLVII.