§ 15. Heinrich von Veldeke
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Pallas und Totenklage; Beratung in Laurente: Turnus will Eneas zum Zweikampf heraus-fordern; Kamilles Heldenkampf und Tod, Bestattung und Klage.
Aen. XII = Frz. 7725—10156, Veld. 9580—13306 [13428]: Turnus bietet Eneas den Zwei-kampf an; Lavine und die Minne, erregtes Zwiegespräch mit der Mutter [Abbruch des erstenManuskripts 10932]; Fortsetzung der Schlacht, ein Schütze verwundet Eneas; der Zwei-kampf, Turnus' Ende; das Hochzeitsfest von Eneas und Lavine [das Hoffest zu Mainz];Ausgang: die Nachfolger des Eneas, Gründung Roms. [Epilog Veld.s 13429—528.]
Quelle. 1 Veldeke hat sein Eneasgedicht nicht unmittelbar ausVirgil selbst,sondern aus dem französischen Roman d'Eneas, dem ersten höfischen Eposmit antikem Stoff, übersetzt, der von einem ungenannten normannischenDichter gegen 1160 (vor Chrestien) in vierhebigen Reimpaaren (ca. 10150 V.)verfaßt worden war. 2 Die Quelle für sein Buch gibt er im Epilog an: erhat es aus dem Wälschen (Franz.) übertragen, es stammt aus dem Lat. unddie Bücher {die boech, das Werk), die Virgilius davon schrieb, heißen Eneide;er selbst hat den Sinn nicht geändert, sondern es so ans Licht gebracht,wie er es geschrieben gefunden hat (13505—27, vgl. 376—82). Er hat alsoden Inhalt nicht wesentlich geändert, aber er gibt ihn sehr frei wieder, erhat dem überlieferten Stoff sowohl stilistisch und technisch als auch zuweilenim Gehalt einen andern Ausdruck verliehen. Das erste, was sofort in dieAugen springt, ist die bedeutend größere Verszahl des deutschen Gedichtes:es übertrifft das französische Gedicht um über 3000 Verse, also um nahezuein Drittel. Damit ist zugleich gesagt, daß Veldeke den Stoff, da er ihn nichtdurch erhebliche sachliche Neuschöpfung vermehrt hat, durch nebensächlicheErweiterungen in die Länge zieht, dehnt, anschwellt. Es beruht aber diesesunterschiedliche Maßverhältnis auf einer Wesensverschiedenheit derbeiden Stilarten: das französische Gedicht hat einen dramatisch-epischen -Erzählerton, das deutsche einen beschreibend-epischen. Der Franzose erzähltlebhaft, schreitet rasch vorwärts, es kommt ihm aufs Geschehen an, es herrschtBewegung, viel Leben, viel Leidenschaft, sein Stil ist temperamentvoll, erzeichnet scharf, in ausgeprägten Konturen, Linien. Der Deutsche läßt sichgehen, verbreitet sich über seinen Gegenstand, er sucht ihn auszukosten,bleibt bei Dekorativem und Nebensächlichem haften, häuft ausmalende Einzel-heiten, 3 es kommt ihm darauf an, die Vorgänge und Zustände leicht faßlichzu machen und er glaubt wohl auch durch längeres Verweilen das Interesse
1 Quellenberufungen s.BehaghelS.CXXXIV;aufVirgil: 41. 165. 2706. 4581; oft auf dieboech, dat boech, auch dat lief, od. auf dieLeute, die das Buch gelesen haben; od. Be-teuerung, daß er, der Dichter, es so gelesen(vernommen) hat.
3 Ausg. J. Salverda deGrave, Eneas, Bibl.Normannica IV, Halle 1891. Veld.s Benutzungseiner franz. Quelle: Behaghel S. CXLII—CLVIII; Al. Pey, Jahrb. f. rom. u. engl. Litt.II (1860), 1 ff.; J.Firmery, Notes critiques surquelques traductions allemandes de poemesfranc. au moy. äge, 1901, S. 13—54; BarkerFairley, Die En. H.s v. Veld. u. d. Roman
d'Eneas, Diss. Jena 1910, dazu Helm, Lbl.1913,265—67. Veld. u.Virgils Aen.: Chole-vius, Gesch. d. dt. Poesie nach ihren antikenElementen I (1854), 102 ff.; E.Wörner, Virg.u.H.v.Veld.,ZfdPh.3,106-60; Aug.Decker,Vergleich Virgils mit Veld., Progr. Treptowa.d.Rega 1884; Edm. Faral, Recherches sur lessources lat. des contes et romans du moyenäge, Paris 1913; Olga Gogala di Leesthal,Stud. üb. Veld.s Eneide, Acta Germ. 5, Berl.1914, dazu Ehrismann, DLZ. 1915,1354—56,Golther, Lbl. 1916, 221 f.; van Dam, Vor-gesch. S. 85 ff.; Kempeneers S. 106 ff.3 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 242.