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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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§ 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 77

Ganz im allgemeinen nur werden die Eigenschaften Isaldens be-schrieben (103450). Auch ihr Wert wird gemessen an dem Eindruck, densie auf die Welt macht: man lobte sie sehr, sie hatte den Preis, wo manguter Frauen gedachte, und zusammengefaßt als Ziel ihrer Handlungen giltebenfalls die Ehre, dazu die höfisch feine Sitte {mit züchten gemeit, Selbst-beherrschung, mit Anmut gepaart).

Den wechselreichen Ereignissen entspricht ein stark bewegter Rhythmusdes Innenlebens, schon der empfindsame Stoff bedingt eine gehobeneGefühlslage. 1 In leidenschaftlichen Klagen äußert sich die Qual des plötzlichausgebrochenen Liebesparoxysmus bei den beiden Erkrankten. Etwas ganzNeues, unheimlich Unerklärliches ist über sie gekommen, das Isalde ver-geblich zu enträtseln sucht. Daß die Minne so weh tun konnte, davon hattesie keine: Vorstellung (236997, Minnemonolog 23982599). 2 Dann er-halten die Gefahren der Entdeckung, darauf die Verurteilung die beiden Ver-trauten in fortwährender starker Gemütsspannung. Die Furcht vor der Trennungbewirkt physisches Erkranken (3277 ff.). In wenigen schlichten, aber um soergreifenderen, an den Volksliedton anklingenden Worten spricht Tristrantsein Leid aus, daß er vom Liebsten, was er hat, muß scheiden. Sonst sindÄußerungen des Gefühls nicht eigentlich häufig (Klagen über Tr.s Krank-heit 1071 ff.; beim Abschied 112647; die Getreuen, Tinas, Kurvenal, weinenüber Tr.s Unglück 4061. 414469; geheucheltes Klagen bei körperlichemSchmerz 5361 ff.). Freudegebärden sind selten (Kurvenal weint vor Freude131012). Die Leichenklagen sind notwendige Beigaben bei Erzählung vonTodesfällen (10319. 958. 97087, dazu 1887. 756578. 923843), Starkaufgetragen ist der Schmerz um den Tod Tristrants, in ausführlichen Klage-szenen (93919412. 9424 f. 943945. 945861. 9506). Aber nur in eineneinzigen Schmerzensruf bricht Isalde aus, als sie den Tod des Geliebtenvernimmt: sie ward weder bleich noch rot und weinte nicht mehr. Schweigendlegte sie sich auf die Bahre dem Helden zur Seite und starb alsogleich.

Stärker als Graf Rudolf und Floyris hat Eilharts Tristrant den volkstüm-lich spielmannsmäßigen Ton bewahrt. 3 Wenn auch sein Roman gerade derDurchsetzung der neuen ritterlichen Mode dienen sollte, so laufen dochnoch Reste von Derbheiten unter, die im vollwertig höfischen Epos nichtmehr geduldet wurden, besonders die Ungeniertheit in geschlechtlichenDingen (Brangäne als untergeschobene Braut 2725 ff.; der aussätzige Herzogund Isalde 4260ff.; Isalde Weißhand und das Wässerlein 6143ff.; Kehenisund Gymele 66726804; Kehenis und Gariole 9162 ff.). Die Entstehungs-art aus einzelnen Erzählungen ist an der episodenhaften Technik sehrdurchsichtig und hat Widersprüche und Unebenheiten hinterlassen.

1 Die körperlichen Aeußerungen des innerenLeidens 237479. 2495504.

2 Isaldens Monolog u. der Minnesang: Bur-dach, Reinm. u. Walther S.69. 74. 119. 120;Lesser, Beitr. 24, 361. 388.

3 Neigung zur volkstüml. Heldensage zeigtz. B. der Vergleich der Kampfgesellen Tristr.u. Kehenis mit Dietrich u. Hildebrand 597377.