Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
Entstehung
Seite
78
Einzelbild herunterladen
 

78

Die erzählende Dichtung

Völlig auf altertümlicher und frühhöfischer Literaturstufe steht die künst-lerische Form des Gedichtes in Stil und Metrik. Die Darstellung ist ein-fach und schmucklos und verläuft auf längere Strecken in einem schlichtenBericht, manchmal gedehnt und eintönig, oft auch wird Bedeutendes raschabgetan. Wie die Ausdrucksweise im Ganzen, so ist auch der Satzbauunfrei, Parataxe herrscht vor, oft einförmiges. Anzuführen sind von denwenigen stilistischen Formen: zweigliedrige Formeln, während formelhafte'Wendungen sparsam gebraucht werden; ferner rhetorische Fragen und Aus-rufe, kräftige volkstümliche Ausdrücke, auch Bilder und Vergleiche; Teil-nahme des Dichters an seinen Personen, Wendung an die Zuhörer, Kampf-schilderungen in der drastischen Art der älteren Epik. 1 Die neue höfischeMethode kommt in den französischen Fremdwörtern zur Geltung. Aus derfranzösischen höfischen Stilistik stammt auch die kurze Wechselrede bei er-regter Stimmung, wo Frage und Antwort, Behauptung und Entgegnung Schlagauf Schlag sich treffen. 2

Metrik, 3 Assonanzen gehören zum Reimstil des ursprünglichen Gedichtes,sie haben aber nichts Außergewöhnliches. Ausnahmsweise tragen auch ganzschwache Endsilben den Ton. X, die Bearbeitung, hat etwa 17°/o ungenaueReime. Die Verse sind weder überlang noch überkurz.

Eilharts Tristrant gehörte von seiner Entstehung an zum dauernden Be-sitz der mhd. Literatur, wofür die Bearbeitungen und Handschriften des 13.,14. und 15. Jh.s zeugen und die Fortsetzungen von Gotfrids Tristan, dieihn als Quelle benutzten, sowie überaus zahlreiche Anspielungen in dermhd. Epik und Lyrik. 4

1 Stilist. Aehnlichkeiten mit Lamprechts Alex.:Lichtenstein S.CLIVf., Kinzel, Lampr.Alex.S.LIVLVIII, FELix,Progr.S.17ff.; GierachS. 253, wo weitere Lit.; van Dam aaO.Eilh. u. Veldeke s. unten bei Veldeke. Eilh. u.Gr. Rud.: Lichtenstein S. CLXXXIV VII,Bethmann S. 163 ff. Eilh. u. Parz. s. untenGotfr.s Trist.

2 W. Grimm, Kl. Sehr. 3, 24548; Lichten-stein S.CLXXI. Stil: Ueb. den Gebrauchdes Duzens u. Ihrzens s. ZfdWortforsch. 5,12833; Fremdwörter s. Register; Enjambe-ment: Wahnschaffe.

* Lachmann, Zu d. Nibel. S. 4; W. Grimm,Gr. Rud. 2 S. 13 u. Kr. Sehr. 3, Reg. S. 331;Lichtenstein S. LIV LXXXVII. LXXXVII1CX1V. CLXXXI1; Gierach, bes. S. 9-12;Schröder, Gott. Nachr. 1918, 387. 408. 420;Wesle, Frühmhd. Reimstud. pass.; de Boor,Frühmhd. Stud. pass.

4 Hagen, MS. 4, 618 ff.; LichtensteinS. CXCI1ICCIV. Eilh. u. Hartmann: Schrö-der, ZfdA.51, 106 ff.; Eilh. u. Wolfram s.unten; Eilh. u. Graf Rudolf s. van Dam S.71;Eilh. u. der Dichter der guten Frau: Schröder,Prager dt. Stud. 8, 138 ff.

Welchen Reiz die Tristandichtung auf denKunstsinn des späteren dt. MA.s ausübt, be-

weisen auch die nach Eilhart, meist aber nachGotfrid entworfenen bildlichen Darstellun-gen, die zum Schmuck des häuslichen Lebensdienten, bes. die Wandteppiche u. Fresken.Am berühmtesten sind die Wandgemälde imSchloß Runkelstein bei Bozen, vom Anf. d.15. Jh.s, die von dem kunstsinnigen Geschlechtder Vintler angelegt wurden. Ferner sind er-halten ein Teppich aus dem NonnenklosterWienhausen bei Celle (1.Hälfte des 14.Jh.s),der Erfurter Teppich (Mitte d. 14. Jh.s, Bech-STEIN, Germ. 12, 101 f.), von Schwarzenbergim sächs. Erzgebirge (1539, dem Prosaromanfolgend); der Teppich der Medaillons imRegensburger Rathaus (2. Hälfte d. 14. Jh.s,darunter eine Tristanszene). Siehe Golther,Tristanb. S.407 ff.; Ranke, Bücher des MA.sS. 276 ff.; v. d. Leyen u. Spamer, Die ad.Wandteppiche im Regensburger Rathause;v.d.Leyen, Abhandl.f. MunckeraaO.; Loomis,Illustrations of medieval romance, Univers, ofIllinois studies, Urbana 1916; Pio Rajna, In-torno a due antiche coperte con figurazionitratte dalle storie di Tristano, Romania 42,51719. Ueb. Elfenbeinschnitzereien aus d.Trist.-sage s. Golther aaO., vgl. auch Panzer, N.Jahrb. 7 (1904), bes. S. 154 ff. .