§ 14. Eilhart von Oberg: Tristrant und Isalde 75
Geknechteten wieder in ihre normale Willenslage versetzt und für ihre Hand-lungen verantwortlich, die fatalistische Gebundenheit ist gelöst. Die nuntrotzdem wiederholten Trügereien, in denen auch der Charakter der Liebendengesunken ist (sie sind sich innerlich entfremdet), sind darum Schelmenstückeund mit dieser Fortsetzung ist die Erzählung zu einer Spielmannsburleskeherabgesunken, die noch verstärkt wird durch die Liebeleien des plumpenKehenis. Eilhart beachtet auch die Veränderung der moralischen Situationgar nicht, sondern erklärt einfach, Tristrant habe seine alte Sitte beibehalten, 1daß er die Geliebte um keiner Drohung willen aufgab (5278—84). Bei derParteinahme für seinen Helden hat er die Rechtsbegriffe geradezu aufden Kopf gestellt. 2 Diejenigen, welche den betrogenen Gemahl, der nichtan das Spiel der Gattin und des Neffen glauben kann, auf die Schändungseiner Ehre aufmerksam machen, sind böse Neider, Tristrant hatte keineSchuld, als daß er nach Ehre rang. Das Unrecht des Ehebruchs wird ein-fach ignoriert (3081 ff. 3932J, u. ö.). Andrerseits macht ihm Marke dochnach Entdeckung seiner Untreue den Vorwurf der Falschheit, da niemandan des andern Weib soll haben Leid noch Liebe (3260—75. 3299). So istdas sittliche Urteil verworren, stellenweise überhaupt ausgeschaltet. Aberdie Sympathie des Dichters ist auf Seiten Tristrants und er bringt unter Ver-letzung des Rechtsgefühls einen mißgünstigen Zug von Grausamkeit in dasCharakterbild des vormals so gütigen Königs. (3976—79. 4037 f. 4243 ff.4296—4301. 4914 f. 4958-68).
Alle Gedanken und die daraus folgenden Handlungen sind in dem Liebes-roman eingestellt auf die Minne, darum gerät Tr. auch gar nicht in Kon-flikt mit der Pflicht der Mannestreue.
Die stärkste Tragik ist Marke auferlegt. Denn die beiden Jungen freuensich ihres verstohlenen Glücks, solange es dauert, der Alternde aber leidetdie Bitternis des Undanks gerade von dem, dem zuliebe er einst ausDankbarkeit auf ein Lebensglück verzichten wollte (3190—3216). Aber auchjene erleben ihr tragisches Geschick. Es ist das eines unerfüllten Daseins.
Das Schicksal der drei Hauptgestalten entfaltet sich innerhalb einer reichausgemalten Umgebung, die das Kolorit der höfischen Gesellschaft trägt.Somit stellt sich ein Bild dar vom ritterlichen Leben nach der Auffassungder frühhöfischen Zeit, und zwar in folgenden Typen: Eine fürstliche Hof-haltung, die Königin in einem Liebesverhältnis zum Neffen ihres Gemahls,die Hofgesellschaft mit ihren Intrigen gegen den Günstling, der seinerseitsAnhänger hat (der Truchseß Tinas), der treue Diener (Kurvenal), die treue
1 Die Technik der Stofferweiterung, welchedie Fortsetzung verschuldete, wurde also ver-hängnisvoll für die Einheit der sittlichen Idee.Zugleich fällt die Fortsetzung zusammen mitdem Hauptabschnitt des Grundschemas: siebeginnt in derUgrimepisode (4703—4994) da,wo der Liebesroman (die Flucht) aufhört unddie erste Urfabel, die Feengeschichte, wiederbeginnt. Auch das Liebesverhältnis hat eine
Wendung genommen: der Reiz der Innigkeitist geschwunden, dafür hat äußerliche Galan-terie eine übertriebene Wichtigkeit erlangt undeine höfische Formverletzung ist imstande,Is. zu beleidigen und einen ärgerlichen Zwistmit Trist, hervorzurufen. Vgl. SchoepperleS. 128—36.2 Minor, Wahrheit u. Lüge auf d. Theater u.in der Literatur, Euphorion 3 (1896), 265 ff.