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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 1 (1927)
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74 Die erzählende Dichtung

in seinen beiden sittlichen Erscheinungssphären, der Tapferkeit und derLiebe (manheit und minne Eilh. 52). Als Held erwirbt sich Tristrant Ehreund Ruhm über all seine Umgebung. Aber seine kriegerischen Handlungensind nur die selbstverständlichen Betätigungen eines ritterlichen Lebens, dasSchwergewicht liegt nicht in den Helden sondern in den Liebesaben-teuern, und wiederum gerade in der Eigenart dieser Liebe. Sie ist eineNaturgewalt, eine Krankheit, ein Gift, das eingegeben wird, und der Zauber-trank bildet das Zentrum des ganzen Romangewebes: zum Guten bestimmtbewirkt er durch Zufall Böses, Lug und Trug zum Ehebruch. Widerstandsloswird der Mensch beherrscht von dem sinnlichen Trieb, den ihm das Schick-sal gegen seinen Willen aufgezwungen. Darum kann er aber auch nichtfür sein Handeln verantwortlich gemacht werden. Zuerst zwar empfindendie Unglücklichen die Liebe als Schuld (2381), dann aber schweigt ihr Ge-wissen. Und doch war dieser größte Betrug Tristrants keine Untreue, dennwas er tat geschah ohne seinen Willen. Der böse Trank war Schuld, daßsie sich sehr minnen mußten (234068. 283851. 391419. 472441.9464 91. 951621). Ihr trauriges Erdenlos war eine Folge des Zaubersund darum auch verzeiht der beleidigte Gatte den im Liebestod Vereinten.Eine große Tragödie hat damit moralisch versöhnend ihren Abschluß ge-funden. Es ist die Tragik des schuldlosen Leidens, eine Sühne, die vonunschuldig Schuldigen getragen werden muß. 1 Das ist in den Hauptzügendie rein menschliche Auffassung, mit der das Gedicht durch Markes mit-leidsvolles Verständnis das sittliche Urteil über die Seelenverwirrungen derdem blinden Schicksal verfallenen Opfer abgibt.

Im Widerspruch damit steht eine zweite Moral, die von dem Zaubertrankgar keine Notiz nimmt: Tristrant, durch die langen Entbehrungen des Wald-lebens zermürbt, sucht Zuflucht bei der Kirche, und der geistliche Berater,der Klausner Ugrim, erklärt sein Liebestreiben für obll (Übel), sunde, misse-fcM (4715.19.59.4812.78.4930), wofür er zur Buße verpflichtet ist. Hier istein Konflikt aufgerollt zwischen menschlichem Trieb und dem sittlichen Ge-bot der Religion. Aber die Reue Tristrants ist nur äußerlichste Beichtmoral,eine bloße Zeremonie und inhaltlose Form ohne sittliche Bedeutung.

Der Erfassung des ethischen Problems waren die älteren Tristan-dichter überhaupt nicht gewachsen. Man hatte die Empfindung, daß hierein großes Unrecht geschehe, konnte sich aber über die zureichende Ver-antwortlichkeit nicht klar werden. Im Grunde handelte es sich ja auch umdie schwierigste Frage, um die Freiheit des Willens. Eilhart und Berol gebendem Trank nur eine zeitweilige Wirkung, sie hört nach vier Jahren auf(472934, bei Berol nach drei Jahren). 2 Damit sind also die vom Zauber

1 Allerdings steht der Tod Trist.s nicht inunmittelbarem Kausalzusammenhang mit sei-ner Schuld, er ist nicht eine Folge seiner un-erlaubten Liebe, sondern einer gar nicht damitzusammenhängenden Verwicklung. Aber dasGedicht faßt doch in der Schlußklage Markes

das Geschick der Liebenden auf als verursachtdurch den .unseligen' Trank.

2 Schoepperle S. 120 ff. Damit ist derBruch des Treubundes zwischen Trist, u. Is.rationalistisch erklärt.